Warum ich mitten in der Nacht so plötzlich aufschreckte, war eigentlich egal. Mir jedenfalls. Schlafen, so richtig tief, fest und erholsam, das konnte ich seit Ewigkeiten nicht mehr. Das war eben ganz normal für mich.
Nur heute, da hätte es ganz anders sein müssen!
Warum? Nun dafür braucht es einen kleinen Rückblick.
Also, ich war bei Bekannten auf Besuch.
Das an sich ist schon Bemerkenswert, da ich eigentlich grundsätzlich meine Bude nicht mehr verlasse.
Erstrecht nicht um zu anderen Menschen zu gehen!
Nun, man muss nicht unbedingt an Bestimmung oder so ein Scheiß glauben, aber ich wurde, aus welchen Gründen auch immer, magisch von deren Badezimmer angezogen.
Und da war er, der Spiegelschrank. Als wenn er auf mich gewartet hätte, strahlte er mich an.
Zufall?
Bestimmt nicht, denn warum sonst wohl hätte ich ausgerechnet diese Tür als erste von drei Türen öffnen sollen?
Da stand sie – die Packung.
In fetten Buchstaben der Name Mogadis!
Erinnerungen stiegen in mir auf. Püppi hatte sie mir damals geklaut und geschluckt. Nur vier Stück, von den zehn die ich damals hatte, schluckte sie. Sie wollte mir ja auch nur Angst machen – damals. Aber zwei halbe Liter Bier hatte sie darauf noch getrunken, und das wäre fast tödlich für sie gewesen! Hätte ich sie eine viertel Stunde später ins Krankenhaus gebracht, wäre sie nicht mehr zu retten gewesen – so der Arzt!
Und hier steht nun eine volle Packung und lächelt mir aufmunternd zu.
Zwanzig Stück, jungfräulich - unbenutzt.
Sie strahlt mich an, als wenn sie seit ihrer Verschreibung nur auf mich gewartet hatte.
Ich konnte gar nicht anders.
Gierig griff ich zu, und stopfte mir die Packung in die Tasche. Endlich war ich wieder Herr der Lage, konnte wieder über mein Leben, und dessen weiteren Verlauf, bestimmen. Das Rezept kannte ich noch immer gut, Püppi hatte es für mich getestet, vor ewigen Jahren. Nun, ich mag zwar kein Alkohol, aber dafür würde ich dann schon mal eine Ausnahme machen.
So oder so, sterben wollte ich schon seit Jahren, nur die Möglichkeiten die ich bisher hatte, waren einfach immer zu abschreckend für mich gewesen.
Bisher!
Ich weiß, man kann an seinem Erbrochenem ersticken, bei Schlaftabletten. Aber man kann es auch richtig machen. Ich hatte mich gut eingelesen in das Thema.
Lobpreiset das Internet.
Damit ist alles Möglich, man muss nur wissen wie und wonach man sucht!
Ich hatte noch eine Packung Tra-Bus. Na klar die Großpackung – 50 Stück! Niedliche kleine Dragees. Die machten so eine herrliche ‚leck mich’ Stimmung. Gut gegen Angst, innere Unruhe, Erregung und Nervosität – meinte der Arzt bei der Verschreibung. Geiles Wunderzeug der Pharmaindustrie.
Einen Tag nahm ich mir noch Zeit alles zu regeln, und mich mit den kleinen Dragees schon mal auf meinen großen Tag vorbereiten. Im Grunde genommen hatte ich diesen Tag schon seit Ewigkeiten herbeigesehnt.
Seit jenem Tag damals, als meine Thiesie so urplötzlich starb, gab es kein Leben mehr für mich. Kein echtes jedenfalls.
Ich spielte das Leben nur noch mit, in der Hoffnung auf den baldigen Tod als Erlösung.
Nun denn, wir haben Montag. Vierzehn Tage würde keine Menschenseele mehr nach mir krähen. Ute hatte am kommenden Wochenende etwas mit ihrem ‚neuen Macker’ vor, so das es kein Einkaufen fahren gab, am nächsten Wochenende.
Angedröhnt von meinen süßen kleinen Dragees und wirklich gut gelaunt, machte ich mich erst mal gründlich sauber. Ich wollte meiner Frau frisch poliert gegenübertreten. Soviel Zeit muss sein, das schulde ich ihr.
Wahnsinn?
Ne, das sicher nicht. Das war einfach meine feste Überzeugung.
Das sie da sein würde, um mich rüberzuholen auf die 'andere Seite'. Warum sollte sie mich bitte schön nicht genauso vermissen, wie ich sie?
Na also!
Ich mag kein Bier, aber Hefeweizen, mit einer Scheibe Zitrone, das bekomme sogar ich runter. Und das knallt auch noch viel besser als das gewöhnliche Bier.
Mehr Umdrehungen eben.
Davon standen schon drei Halbe griffbereit neben dem Bett. Richtig gemütlich und nett hatte ich es mir im Schlafzimmer gemacht. War ja auch ein großer Tag der kommen sollte. Wiedervereinigung nach ewigen Jahren. Wenn das kein Grund zum Feiern ist!
Frisch geduscht, Pink Floyd als Endlosschleife. Man weiß ja nie wie lange man noch etwas mitbekommt, und der Abgang sollte schon etwas großes, Erhabenes sein.
Das geht nur mit Pink Floyd. Dark Side of the Moon. Seit 1973 höre ich diese Scheibe schon. Und sie hat bis heute nichts für mich an ihrer Wucht und Aussagekraft verloren.
Egal!
Mogadis - kommt her, ihr holden Perlen des Vergessens.
Dies unschuldige Weiß, nie würde man denken das sie morden können. Völlig friedfertig liegen sie, von mir aus ihrer Unhüllung gedrückt, auf dem kleinen 'Gabenteller' aufgereiht. Der Mörser – griffig liegt er in meiner Hand und zerstößt die kleinen Teufelchen zu Staub.
Ja, ein Megamixgetränk wird es werden. Huldvoll lächelnd und völlig zugedröhnt von meinen süßen kleinen Dragees, singe ich dabei den Lieblingspart der CD mit
"Home, home again. I like to be here when I can. When I come home cold and tired It's good to warm my bones beside the fire. Far away across the field The tolling of the iron bell Calls the faithful to their knees To hear the softly spoken magic spells."
(Daheim, wieder daheim - Ich bin gerne hier, wenn ich kann - Wenn ich heimkehre, kalt und müde - Tut es gut, meine Knochen am Feuer zu wärmen - Weit entfernt, hinter dem Feld, - Ruft das Läuten der Metallglocke - Die Gläubigen auf die Knie - Um sanft gesprochenen Zauberformeln zu lauschen)
Man, immer schon hatte ich mir vorgestellt, das man diese Scheibe auf meiner Beerdigung spielen würde, und ich von den Klängen des Parts 'The Great Gig In The Sky' davongetragen würde. Haha, da könnte ich mir glatt noch eine Zugabe vorstellen. Doppelt verbuddelt hält besser.
Kann es einen schöneren Abgang geben als diesen? Ich wüsste nicht wie!
Es ist endlich alles vorbei. Kein schauspielern und leiden mehr.
Scheiße, wenn das nicht passt!
Was? Na die Scheibe. Grade sagt einer der Leute:
"And I am not frightened of dying, any time will do, I don't mind. Why should I be frightened of dying? There's no reason for it, you've gotta go sometime."
("Und ich fürchte mich nicht vor dem Sterben, es kann jederzeit passieren, Es ist mir egal. Warum sollte ich mich vor dem Sterben fürchten? Es gibt keinen Grund dafür, irgendwann mußt du gehen.")
"Ich hab es schon immer gewusst, das diese Scheibe nur für mich gemacht worden ist", rufe ich laut und erfreut aus.
Geile Mucke, geile Dragees. Und mein Pülverchen ist auch schon fertig.
Ich gleite... verliere den Halt... schwebe... friedlich...
Friede... endlichhhhhh...
Plötzlich schrecke ich auf.
Der selbe laute Knall wie damals hat mich zurückgeholt.
Warum ich nicht zugedröhnt war?
Keine Ahnung. Völlig klar bei Verstand starre ich auf das Bett.
Sie ist wirklich gekommen.
Sie sitzt am Fußende und schaut mich mit unendlich traurigen Augen an.
"Du hättest durchhalten müssen. Ich hatte so auf deine Stärke gehofft. Die ganze Ewigkeit hätten wir für uns zusammen gehabt. Nie wieder hätte uns etwas trennen können. Und nun ist alles aus. Und dabei ich habe mich so nach dir gesehnt die ganze Zeit, und gehofft das du es schaffst die Prüfung zu bestehen"
"Breathe, breathe in the air. Don't be afraid to care. Leave but don't leave me. Look around and choose your own ground. Long you live and high you fly And smiles you'll give and tears you'll cry And all you touch and all you see - Is all your life will ever be".
(Atme ein, hole tief Luft. Hab´ keine Furcht, dich zu sorgen. Geh´, aber verlass mich nicht. Schau dich um, such dir deinen Platz. Lang sollst du leben, es zu etwas bringen, Und das Lächeln, dass du spendest und die Tränen, die du vergießt Und alles, was du berührst und anfasst, Ist alles, was dein Leben je ausmachen wird.)
Wir singen es gemeinsam mit. Auch sie hatte diese Scheibe so sehr geliebt.
Und für den Moment ist alles so logisch – so klar.
Mir dröhnt der Schädel, und kotz elend versuche ich nach ihr zu greifen -
um Halt zu finden?
Aber ich bin schon wieder alleine.
Ein Trümmerfeld.
Das halbe Bier ins Bett gekippt, und mein Zaubertrank steht immer noch auf dem Nachtschrank und wartet auf den Verzehr. Ich bin vorher umgekippt und weggeflogen!
Scheiß Tra-Bus, die letzten zwei waren wohl doch zuviel für mich gewesen?
"Warum lässt du mich hier alleine zurück", schluchze ich ihr nach, wohlwissend was sie mir sagen wollte mit ihrem Auftritt.
Eine kleine Pille nur – nur zum Aufmuntern.
Ein solches kleines süßes Dragee – BITTE!!!
Aber ich erlaube mir nichts mehr. Ich Ekel mich vor mir selber.
Um ein Haar hätte ich in meinem Wahn alles zerstört. Meine einzige Hoffnung auf Linderung nach dem Tode verspielt. Selbst wenn der Schädel noch so dröhnt, und das Denken mir schwer fällt, ich hatte diese Warnung verstanden.
Wie zum Hohn läuft ausgerechnet jetzt der Titel 'Time' von der CD
"...the sun is the same in a relative way but you're older, Shorter of breath and one day closer to death…"
(....die Sonne ist dieselbe, irgendwie, doch du bist älter, Kurzatmiger und einem Tag näher dem Tod....)
Egal, jetzt sterbe ich vor Kopfschmerzen und dem Bewusstsein auf ein ‚normales Ende’ warten zu müssen. Suizid – dieses Wort ist mit sofortiger Wirkung für immer und ewig aus meinem Hirn gestrichen. Soviel ist jedenfalls sicher.
Ob es helfen wird?
"…the time is gone, the song is over, Thought I'd something more to say."
(...vorbei die Zeit, das Lied ist aus - Dachte, ich hätt' mehr zu sagen.)
Wir werden sehen, es gibt genug 'legale' Mittel es zu beschleunigen. Schau dir meinen Körper an, und du wirst verstehen. Aber nun muss ich erst mal pennen und mich von dem Abend erholen.
Die Scheibe ist auch schon wieder zu Ende.
Da ist er, der Herzschlag der langsam immer leiser wird,
und die Stimme die die einzige glaubhafte Wahrheit kundtut.
"There is no dark side of the moon really. Matter of fact it's all dark."
("Es gibt eigentlich keine dunkle Seite des Mondes. In Wirklichkeit ist alles dunkel.")
und der Herzschlag verschwindet in der Ferne...
Gewidmet:
meiner kleinen Thiesie, die mich zum Menschen machte -
und viel zu früh starb...
Das soll keine Werbung für eine CD sein!