in einem Nebensatz

Text zum Buch 'mein Paradies der Hölle'
Band III - 'WeiterLeben'


Heute erfuhr ich, durch einen Nebensatz in einem Schreiben, dass mein Vater vor 14 Jahren, im Alter von 62 Jahren, gestorben ist.


Die Nachricht lese ich immer wieder, und es stellt sich ein sonderbares Gefühl dabei ein. Innere Unruhe. Ich versuche krampfhaft mehr Erinnerungen zu Tage zu fördern, aber es bleiben immer nur die selben. Einige wenige Momente meines Lebens. Und es gibt nur eine Erinnerung, in der er offiziell mein Vater war.

Als Kind war er nur ein Onkel für mich. Das Jugendamt wollte es so, und er hielt sich daran. Keine Ahnung was er dabei empfand, er gab mir nie die Gelegenheit mit ihm darüber zu reden. Genauso, wie er mir nie etwas über meine Mutter verriet.

Ich habe diesen Mann in meinem ganzen Leben nur ein paar mal, für jeweils einen mehr oder weniger kurzen Zeitraum, gesehen.

Er hat mir mal zu Weihnachten ein Luftgewehr geschenkt – als mein Onkel, nicht als mein Vater. Er hat mich eines Tages geprügelt – als mein Onkel, nicht als mein Vater. Er hat mich oft geschimpft und gedemütigt – als mein Onkel, nicht als mein Vater.

Er ging eines Tages mit mir in die Eisdiele – als mein Onkel, nicht als mein Vater.

Und dort hat er mir einen Brief vom Jugendamt zu lesen gegeben, in dem stand, dass er mir mitteilen müsse das er mein Vater ist, damit er mich über ein Wochenende zu seiner neuen Verlobten mitnehmen könne.

Er brachte mich von der Eisdiele zurück in das Heim - als ein Fremder, nicht mehr als mein Onkel und erstrecht nicht als mein Vater.

Danach, als er vom Wissen her ’mein Vater’ war, hatte ich nur einmal noch einen kurzen Kontakt zu ihm. Ich sollte besagter Verlobten – gegen einen ziemlich hohen Geldbetrag – etwas vormachen. Ihn als Supervater und Superheld vor ihren Augen feiern. Eine Frau mit reichlich Geld auf dem Konto, an das er ran wollte. Ich war 14 Jahre und konnte das Geld von ihm gut gebrauchen, so machte ich mit. Keine Ahnung, was daraus wurde.

Ich sah ihn, nach dem einem Wochenende ’als Vater’, nie wieder. Er fehlte mir auch nicht, da es keinerlei emotionale Bindung zwischen uns gab.

Aus den Augen, aus dem Sinn – so sind wir beide wohl gewesen.

Rückblickend versuche ich ihn zu verstehen, denn er war gerade knapp 20 Jahre alt, als ich auf die Welt kam. Kein wirklich gutes Alter um Vater zu werden, denke ich mir jedenfalls. Und später, als er älter war? Das kann ich nicht beurteilen, sosehr ich es auch versuche.

Aber eines verdanke ich ihm denn doch.
Ich habe es ein Leben lang vermieden selber Kinder in die Welt zu setzten, da ich ebenfalls ein Leben lang zu unzuverlässig war. Seine Fehler wollte ich einfach nicht wiederholen.

Und dennoch, wohin mit all den Fragen, die ich vorher nie hatte – die aber auf einmal in mir auftauchen? Jetzt bin ich der einzig Überlebende meiner Vergangenheit, werde nie eine Antwort mehr auf etwas finden können.

Jeder Tod, selbst ein so ferner und eines scheinbar fremden Menschen, reißt Löcher in die Gegenwart.






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