die 68er


Text zum Thema Umbruch / Gesellschaft


Für Peter - der mir bei der 'Rückkehr ins Leben' wichtige Impulse gegeben hat, und dem ich einiges an Erfahrungen und intellektueller Bildung zu verdanken habe!
Kleiner Tipp zum Lesen: bitte im Auge behalten, bin 15 Jahre, verbittert! Meine Sicht der Dinge damals eben...




Komisch, aber immer wenn das Thema Kinder auf den Tisch kam, sah ich mich als kleinen Knirps in meiner blöden kurzen Lederhosen vor mir. Ne – dass diese Zeiten vorüber sind, jedenfalls hier oben im 'richtigen Deutschland' (hallo Bayern – hehe), weiß ich selber gut genug. Ich war doch in vorderster Front dabei gewesen, als es darum ging den 'Muff von 1000 Jahren, unter den Talaren' zu beseitigen.

Ja sicher!
Ich war einer der wenigen 'echten 68er'!

Nicht so ein pseudo 68er.
Diese blöden Studenten aus gutem Hause - die vor langer Weile, und nur um ihre liebevollen Eltern zu ärgern, an vorderster Front rumkrakelten und sich für so toll und so anders hielten! Die hatte ich schnell durchschaut, ich war ja ne Zeitlang mit einigen von ihnen 'befreundet'. Es gab ja auch in Hamburg diese Klicke von 68er, die sich auf die Fahnen geschrieben hatten die Heimkinder von ihren Leiden zu befreien.

Das waren vielleicht Träumer und Spinner!
Wenn es mal Hart auf Hart kam, und das blieb nun mal nicht aus wenn man es mit dem Leben zu tun hatte, dann rannten sie zu Vati und Mutti. Die mussten dann alles für die armen Schweine regeln.

"Ich bin total pleite Mama, kannst du nicht für mich die Miete bezahlen?".
"Papa – die wollen mich von der Uni schmeißen. Du hast doch Beziehungen, kannst du was für mich machen?".

Mag ja sein das nicht alle so waren, aber in Hamburg waren es viele!

Aber mir tolle Sachen von Tolstoi, Rilke, Nietzsche, Kant und Marx, Engels und wie die alle so hießen vorzublahen, um dann selber jede verdammte Sekunde nicht nach den Maximen, die sie selbst so verkündeten, zu leben?

Das ist nichts für mich – ich kannte nur 'Sekt oder Selters'.
Den Ausschlag, diese Kreise wieder zu verlassen, gab nicht etwa diese ewigen Eifersuchtgeschichten, von wegen wer zweimal mit der Selben pennt, sondern die intellektuelle Vereinsamung. Ich hungerte nach Wissen und neuen Erfahrungen, aber die waren ja genauso eingefahren wie die Leute die sie bekämpfen wollten.

Hast du schon mal eine 'politische Diskussion' in der Mensa miterlebt?
Ist auch besser, wenn nicht. Der einzige Unterschied zum Bundestag ist, das Durcheinanderschreien und die süßlich riechende Luft, vom Shit geschwängert!
Aber sonst...
Die selben hohlen Phrasen die gebetsmühlenartig runtergebetet wurden. Was wussten die Trottel schon von den unterdrückten Arbeitern? Ja sicher, es gab Ausnahmen die im Hafen als Stauer Doppeltschichten machten, um sich ihr Geld zu verdienen. Aber die konnte man an einer Hand abzählen!

Rainer Langhals – seine tolle Leistung als '68er':
Er hat Uschi Obermaier gevögelt!
Na toll – wer eigentlich nicht?

Freie Liebe hat er selber nie gelebt, er hat nur 'stillgehalten' aus Verlustängsten heraus.
Das war es auch schon. Ein Mitläufer von vielen!

Also wirklich, selbst wir Schulkinder vögelten in dieser Zeit alles was JA sagte. Was war denn daran was Besonderes?

Ich habe sie kennen gelernt – diese Freaks, die krampfhaft versucht haben 'anders zu sein'.
Die jede gängige Parole, wie Gedichte in der Schule, auswendig gelernt und nachgebetet haben, ohne den Sinn je hinterfragt zu haben. Es ging doch letztlich nur um Masse – und nicht um Klasse!

Kenst du Benno Ohnesorg?
Sicher, wer kennt den nicht – ist bestimmt die Antwort. Sicher den Namen kennt jeder, war ja auch oft genug in den Medien. Aber ist dir dann auch schon mal aufgefallen, das auch DU Benno Ohnesorg hätten sein können? Seine ganze hervorragende Leistung war, das er zur falschen Zeit am falschen Ort war! Eine Strasse weiter, oder eine Minute später, und er wäre auch nur ein unbedeutender treusorgender Familienvater und Gymnasiallehrer geworden! Was ihn unvergessen macht, ist das er Tot ist – das war es auch schon.
Erschossen von einem Bullen bei einer Demo – das ist alles.

Ansonsten war er auch nur einer dieser vielen tausend Mitläufern!
Ne, das Feuer der 68er brannte nur in wenigen Augen. Ich will nicht auf die bekannten Größen wie Dutschke, Teufel und andere eingehen, dass ist ja kein Geschichtsunterricht hier. Aber die echten 68er sind irgendwann in den Untergrund gegangen. Aber auch da kennt man wieder nur Größen wie die Medienstars Baader, Meinhof, Raspe usw.!

Aber so 'Schwarz – Weiß' war die Zeit nicht.
Es gab auch jede Menge Grau dazwischen!

Ha – das kleine rote Buch, die 'Mao-Bibel'.
Fast jeder von diesen Idioten hatte die entweder in der Tasche, oder dekorativ auf dem Tisch neben dem Bett liegen.

Aber weißt du was?
Ich habe mir mal den Spaß gemacht - sie auch zu mal lesen, richtig lesen, mit hinterfragen und so. Die nächste Zeit war es dann mein Hobby den Spacken, die so cool und anders waren, mit ihrem 'Che Guevara T-Shirt' und der 'Mao-Bibel', in Gespräche über den Inhalt der 'Mao-Bibel' zu verwickeln. Am liebsten in großer Runde.

Das waren immer innere 'Reichsparteitage' für mich.
Die superintellektuellen Weltverbesserer, denen der Mund offen stand, weil ein fünfzehnjähriger ihnen zeigte das sie 'Null Ahnung' hatten. Der ganz klar sagen konnte, das es doch auf Seite xx ganz anders, und somit im direkten Widerspruch zu ihrer nachgeplapperten Meinung steht!

Joho, na klar besaß ich auch so ein Ding.
Ich hatte zu dieser Zeit die 'Mao-Bibel' immer dabei. Nicht so schön gepflegt und sauber wie die Herren und Damen Studenten, sondern böse schmutzig und mit vielen Eselsohren. So konnte ich zum Beweis meiner gemachten Aussage die Seiten schneller wiederfinden, die ich gerade brauchte.

68er – 'anders sein' um jeden Preis!
Eigene Hymnen, eigene Mode, eigene Helden!
Rausheben aus der Masse der Bevölkerung der Republik, um jeden Preis war das Motto?
Hast du dir mal den Spaß gemacht, und bei den Demos auf die Leute und ihr anders sein geachtet?

Eine einzige Front an gleichgeschalteten. Wie bei der Bundeswehr.
Die selben Klamotten hatten sie alle an, die selben Parolen, und den meisten von ihnen waren der Inhalt und der Hintergrund der Parolen unbekannt!

Wenn du mal lachen willst, dann gehe mal zu einem mit einem 'Che Guevara T-Shirt' hin und frage ihn danach, wer der Kerl auf dem T-Shirt eigentlich ist. Die Antwort ist na klar 'Che' – aber jetzt frag mal weiter '...wo lebte der? ...was machte der?' oder 'was hat er vorher gemacht' oder '...welche Ziele verfolgte er'. Ja, du ahnst schon das da denn nicht mehr viel als Antwort kommt, nicht wahr? Na klar, wussten nur die 'Hardliner' das ER mehr als nur ein 'cooles T-Shirt' war.
Für die meisten waren es eben die Klamotten die man zu tragen hatte, wenn man dazugehören wollte. Wie Lippenstift für Frauen – Hübsch anzusehen!

Nehmen wir mal die langen Haare, das äußerliche Erkennungszeichen eines Revoluzzers.
Nicht mehr zum Frisör gehen, wenn Papa oder Mama weit weg wohnen kann jeder, aber ich habe auf die Fresse bekommen und wurde mit Gewalt auf den Stuhl gezogen und kahlgeschoren. Und trotzdem habe ich nicht aufgegeben, und meine Haare wieder über die Ohren und den Kragen wachsen lassen.

Das war der reale Kampf gegen das eingefahrene System und deren Vorstellungen.
Nicht, weil man zu faul, zu vollgedröhnt mit Shit, oder eben nur den Anderen zu gleichgültig war, die Haare lang wachsen zu lassen. Das kann doch jeder – die wachsen doch von ganz alleine, die Haare!
Na gut, ich habe auch geschrieen 'Amis go Home', und darauf bestanden das die Bundeswehr wieder abgeschafft wird. Und das, wie viele, in einem Bundeswehr-Parka! Ja ist schon witzig, wenn man mal so darüber nachdenkt. Das System abschaffen wollen, aber die Vorteile daraus ziehen! Parka, vor allem mit Futter innen drinnen, das war schon was geiles, wenn die Wasserwerfer kamen!

How ever – back to the Roots
(auch so ne Masche – 'Amis go Home' schreien, aber englisch quatschen und Fast Food fressen)

Die '68er' war schon eine schöne Zeit – wenn man es von Außen betrachten konnte.

Aber wenn du nach einer Diskussion, zwischen Studenten und einem Proff, in kleiner Runde danach, dich getraut hast einiges von dem was der Proff gesagt hat, als sinnvoll und realistisch anzusehen, und das dann auch noch laut in dieser Runde gesagt hast, dann war schnell aus mit lustig und diskutieren. Dann hatte man auf einmal keine Ahnung, konnte nicht mitreden, weil man ja kein Student war. Und dein 'Freund' Peter, dem du das ja zu verdanken hattest, dass du in diesen Kreisen verkehren durftest, war es auf einmal peinlich dich zu kennen. Der wollte dich einfach nur noch loswerden, dich nicht mehr kennen und mitnehmen.

Peter war im praktischem Jahr oder sowas bei uns im Kinderheim. Rote Haare, roter Vollbart (Marx in rot, genauso sah er aus, ehrlich), gelernter Polizist und Umsteiger auf Pädagogik. Ein Revoluzzer mit neuen Ansichten, und angesteckt von den '68ern' – ein schlichtes Gemüt.

Aber er hatte geile Bücher! Psychologie und so!

Leider war auch er nur einer dieser Mitläufer. Woran ich das merkte?

Na – kenst du das Buch 'Summerhill'?
Antiautoritäre Erziehung und so, das hatten jetzt alle die INN sein wollten. Ohne dem Buch ging gar nichts. Na klar habe ich das gelesen, geile Vorstellungen, aber doch ein wenig weltfremd! Aber das gehörte nun mal damals bei den Mitläufern, die sich für so Besonders hielten, zur Pflichtlektüre.

Genauso wie die Bücher von Sigmund Freud. 'Das Ich und das Es', und nicht zu vergessen 'Abriss der Psychoanalyse'.

Zugegeben trockener Stoff, aber sehr hilfreich.

Aber nachdem ich mich dann irgendwann auch noch mit Carl Gustav Jung, und seinen Büchern 'Erinnerungen, Träume, Gedanken' und 'Der Mensch und seine Symbole' befasst hatte, fand ich dann doch einiges von Freud sehr fragwürdig. Ich war ja nicht nur theoretisch ein Kind gewesen (oder bin ja noch), sondern hatte ja real gelebt. Nur, wenn ich mit den Matchbox-Autos Zusammenstoßen gespielt hatte, dann weil ich den Krankenwagen oder die Feuerwehr zur Rettung der Verletzten einsetzten wollte. Und nicht weil ich, laut Sigmund Freud, das Erlebnis meiner sexuellen Frustration damit verarbeiten wollte, weil ich meine Eltern beim Sex gesehen hatte!

Das war dann das Thema Freud für mich - als ich das gelesen hatte.
Bei dem war immer alles mit Sex erklärt. (na ja, sehr vereinfacht – gebe ich zu)
Richtig ist nach wie vor viel, von dem was dieser Mann gesagt, geschrieben und erforscht hat – keine Frage. Aber man kann nicht alles auf den Sex-Trieb schieben. Das ist mir denn doch zu eindimensional, jedenfalls bin ich im Laufe meiner Studien zu diesem Ergebnis gekommen.

Wie auch immer – ich schweife schon wieder mal ab.

Also, Peter:

Ich habe mit und durch ihn den Zugang zu intellektuellen Kreisen gefunden, und wusste endlich wonach ich die ganze Zeit gesucht hatte.

Endlich wurde ich geistig gefordert / fördert.
Durch ihn habe ich erst gemerkt wie ausgehungert nach Wissen ich doch eigentlich war. Ich hatte mich zu lange mit Fußballspielen und ‚Scheiße bauen’ betäubt, da ich gar nicht wusste das es DAS war was ich vermisste.

Ne – die Schule konnte mir das nicht bieten.
Da ging es nicht um den 'Geist'.

Volksschule – das war mechanisches Füttern mit überflüssigem Wissen.
Nur der Zensuren wegen!

Ich lernte ja lieber Überleben – anstatt für mich oder die Schule!
Also, weiter – wo war ich gleich stehen geblieben?

Ach ja – Peter und die Psychologie und die '68er' - Zeiten.

Nun - der Rest ist Schweigen.
Nicht das ich Hemmungen hätte weiter zu berichten, aber als kleiner Abriss meiner Befindlichkeit im Sommer / Herbst 1968 dürfte das wohl reichen!






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