der alte Mann und das Mädchen


Text zum Buch 'mein Paradies der Hölle
'Band III - 'WeiterLeben'



Vorwort an die Täter:
Das unbegreifliche, das ihr Euren Opfern antut, zieht weite Kreise.
Zerstört viele Leben zur gleichen Zeit. Und keine Strafe dieser Welt, kann den Schaden wieder gut machen.
Für Euch ein war es ein Spaß, ein Abenteuer - im Suff, mit tollen Freunden.
Zu dritt, doch SIE starb mit 13 Jahren unter Euren brutalen Händen.
Und muss nun damit leben – bis zu ihrem Tod.

Genauso wie wir - die sie lieben – und durch Euch für immer verloren haben!




Er saß mal wieder mit einem Becher Kaffee in der Hand in der Sonne, und fühlte sich hin und her gerissen zwischen dieser vagen Hoffnung und dem Wunsch einfach aufzugeben.

Die letzten Jahre hatte er ohne irgendwelche Hoffnung und Gefühle, außer dem Gefühl der Einsam- und Sinnlosigkeit seines Daseins, vor sich hinvegetiert.

Damit kannte er sich ja gut aus, darin hatte er sich eingerichtet, und sich ein behagliches Nest aus Gleichgültigkeit der Welt und Erwartungslosigkeit des Lebens gegenüber gebaut.

Doch dann stand SIE wieder vor ihm.
Er fühlte die Erinnerung daran, wie sehr er ihren Trost und ihre Unbeschwertheit im Umgang mit ihm all die Jahre vermisst hatte. Sie war inzwischen eine schöne junge Frau geworden.

Doch in ihren Augen – darin sah er das Kind von einst, aber verängstigt und verlassen.

Er hatte sie aufgeben müssen – lange Zeit vorher, als sie noch ein kleines Kind war. Er war ja nicht ihr Vater, sondern nur der Loverboy ihrer Mutter gewesen – all die Jahre. Und die Mutter hatte ihm, mit allen schmerzhaften Folgen die sich für ihn daraus ergeben hatten, vor die Tür gesetzt. So richtig mit das Haus nicht mehr betreten dürfen, die Kinder in Ruhe lassen und allem drum und dran. Ersetzt von einem neuen Loverboy, der an seine Stelle getreten war.

Einfach so – nach all den Jahren.
Oh ja, er hatte sehr gehofft das die Kinder sich trotzdem bei ihm melden würden – es nicht so einfach geschehen lassen würden. Aber es waren eben nur Kinder – und ja auch nicht seine. Er wusste nicht was alles da mit rein spielte, aber für die Kinder war er eben auch nur eine unter vielen Episoden im Leben der Chaotin gewesen.

Das war jetzt lange her.
Wenn ihn sein Zeitgefühl nicht zu sehr trug, mussten zehn Jahre oder so dazwischen liegen.

Er hatte sich in dieser Zeit eine einigermaßen erträgliche neue Welt gezimmert. Eine neue Frau, und neue Kinder aus der aus der Siedlung. Die waren ziemlich wild und von ihren Eltern in Stich gelassen worden. Die hatte er an Stelle der ’alten Kinder’ angenommen.

Und nun stand SIE vor ihm und schaute ihn, zwischen Freude und Unsicherheit ihn wiederzusehen hin und her gerissen, an. Er versuchte so zu tun, als wenn es das normalste der Welt wäre, das er jetzt wieder hier in der Küche auf ‚seinem’ alten Platz saß – als wäre nichts gewesen. Alles nur ein böser Traum, und die Zeit dazwischen ist nie da gewesen.

Aber zu tief saßen die Verletzungen während der Trennung.
Sie hatte es sehr eilig - sich wieder aus dieser Küche in ihr Reich zu flüchten. Er war doch genauso verwirrt und verunsichert - von den Gefühlen die über ihn hereinstürzten.

Er war einfach nicht darauf vorbereitet gewesen – genauso wenig wie sie.

Sie waren sich einmal so nahe gewesen. Sie hatte ihn doch damals geholfen die Demütigungen und Tiefschläge ihrer Mutter zu ertragen. Sie hatte ihn damals in ihr Herz geschlossen und lieb gewonnen.

Was hatte er eigentlich erwartet – als er dies Haus wieder betrat, und so tat als wäre er nie weg gewesen?

Er war doch inzwischen alt genug geworden, um zu wissen welches Chaos er damit anrichten würde. Aber egoistisch wie er war, hatte er einfach nur den Wunsch ’seine Kinder’ wiederzusehen nachgegeben, und war nur zu bereitwillig wieder in das Leben ihrer Mutter getreten - als die sich wieder bei ihm meldete.

Nein, verliebt war er nicht mehr in diese Frau. Dafür hatte sie ihn zu sehr leiden lassen. Aber es war halt mal ’seine’ Familie gewesen. Er hätte halt professioneller und rationaler an die Sache rangehen müssen. Einfach nur ’Sex mit der Ex’, und nichts von wegen Familie.

Und nun?

Er hatte alles versaut.
Er wusste nicht warum und wodurch. Darüber grübelte er jetzt schon seit 14 Tagen nach. Dabei hatte doch alles so schön angefangen.
Er hatte von dem Mädchen die E-Mail Adresse bekommen.

So konnte er sie endlich erreichen.

Nein – in die Wohnung der Mutter ging er nicht mehr freiwillig.
Zu sehr hatte es ihn durcheinander gebracht, was da auf ihn einstürzte. Das war ihm nur zweimal passiert, das er das Haus betreten hatte. Und beim zweiten Mal hatte das Mädchen gerade eine manische Phase, und war ihm freudestrahlend um den Hals gefallen. So richtig mit den leuchtenden Augen von früher, hing sie plötzlich an seinem Hals.

Er hielt das Mädchen - für eine kurze Ewigkeit - in seinen Armen, und konnte ihre Wärme und ihrem Geruch in sich eindringen spüren. Er hatte nicht damit gerechnet, das hinter ihrer abweisenden gleichgültigen Schale noch diese Gefühle in ihr steckten.

Er hatte alle Hoffnung auf ’seine’ Kinder schon lange aufgegeben.
Zu viel war passiert in all den Jahren, und er war nicht da gewesen um ihnen zu helfen oder sie zu beschützen.

Weder als es passierte, noch hinterher als er davon erfuhr.
Stimmt schon, das er ja gar keine Möglichkeit dazu gehabt hatte, aber das war eben nur die Vernunft die ihm das sagte. Sein Gefühl wusste das er - wie immer – versagt hatte. Er hätte es nicht verhindern können - das ist wohl wahr. Aber warum war er nicht einfach wieder in ihr Leben getreten, als er davon erfuhr, um ihr zu helfen damit umzugehen – zu Überleben?

Er hatte doch am eigenen Leib erfahren wie es ist – wenn man ermordet wurde - und als Zombie weiterleben muss.

Er trug seine Maske doch schon ein Leben lang – seit er acht Jahre alt war.

Er wusste doch zu genau wie es ist, wenn die Erinnerrungen aus dem Schatten ins Licht treten, und man ’ES’ immer und immer wieder durchlebt. Wenn man nicht zur Ruhe kommen darf, weil man sonst wieder in diesen Strudel gezogen wird. Das Leben, das man mühsam versucht zu bewältigen, wieder aus den Händen gleitet, der Boden einem unter den Füssen weggezogen wird.

Dieser endlose Sturz durch die grausamen ’Bilder’ und ’Geräusche’ von einst.

Dieses - den Boden nicht wieder erreichen können, aus dem Schmerz keinen Ausweg zu finden! Kein Schutz zu haben vor diesen Überfällen - die so urplötzlich und unangekündigt über einen hereinbrachen.

Einfach kein – wie auch immer geartetes – normales Leben führen zu können.

Die Menschen rundherum, die einen argwöhnisch – wie unter einer riesigen Lupe – beobachteten, fast schon belauerten!

Die darauf versessen waren mit aller Macht den letzten Ausweg, um endlich Ruhe davor zu finden, zu verstellen mit ihrer falschen Fürsorglichkeit. Die einem immer weiter und weiter durch diese Hölle schieben, um so ihre eigenen Verlustängste zu bekämpfen.

Immer und immer wieder hat man ihnen versucht klarzumachen, das sie einen doch endlich sterben lassen sollen, wenn sie es wirklich gut mit einem meinen.

Aber es ging ihnen ja gar nicht um dich, sondern ’Sie’ wollten dich ja nicht gehen lassen, weil ’Sie’ dann etwas verlieren würden.

Und irgendwann hat man dann einen Weg für sich entdeckt. Jetzt konnte man den Schmerz ertragen. Aber dafür war man jetzt für all die Anderen ein ’Psycho’, reif für die Klapsmühle – nicht allein lebensfähig eben.

Wie sollten sie auch begreifen, das man nur so überhaupt überleben kann?

Dabei war es ganz einfach gewesen den Schmerz endlich zu besiegen – diese ’Bilder’ und ’Geräusche’ zu verdrängen. Ein Buschfeuer wird mir einem Gegenfeuer, eine drohende Überschwemmung mit einer gezielten Überflutung bekämpft.

Und ein Schmerz wird eben mit einem größeren, vor allem Dingen fassbaren Schmerz bekämpft. Nein – nicht seelischer Schmerz, da konnte es keinen größeren mehr geben, aber körperlich – das klappte! Den Schädel an die Wand schlagen, das half. Das eintönige Hämmern in dem Schädel, die größer werdende Schwellung am Hinterkopf, die holten ein wieder in die reale Welt zurück. Zumindest die erste Zeit lang, wo man noch nicht zu abgestumpft war gegen den körperlichen Schmerz. Und das Beste daran war, das es keiner sehen konnte und alle dachten das mit einem alles in Ordnung sei.

Darauf kam es doch nur an – das man wie erwartet wurde funktionierte.

Der nächste Schritt war dann ‚der Freund’
Er nahm einem in Zukunft die schlimmste Zeit des Lebens ab.
Wenn es unerträglich für einem wurde, war ’ER’ da um es auf sich zu nehmen.

Ja ihr wart ein gutes Team, lange Zeit.
Bis ’ER’ überhand nahm, und dein Leben lebte.
Viele Jahre hat man verängstigt in der hintersten Ecke der Seele gehockt.
Als Gefangener der Erinnerungen. Es fehlen einem dadurch viele Jahre und Erinnerungen, aber man konnte nicht mehr verletzt werden!

Und in genau diesem Zustand fand er sein kleines Mädchen von einst wieder vor.
Nur - Sie hatte nie diesen ’Freund’ für sich entdeckt.

Bei ihr war es anders gelaufen.
Sie wurde von ihrer Mutter in die Klapse gesteckt. Professionelle Hilfe von Menschen die in der Theorie alles kannten, aber eben selber noch nie in der Hölle waren.

Medikamente, Gespräche – und das Ergebnis davon war, das sie sich immer tiefer eingemauert hatte in ihren Schutzwall.

Führerbunker - Kommandozentrale für einen Kampf gegen Unwissenheit und Unvermögen! Wie soll auch jemand - der selber nie in der Hölle war - diese Hölle verstehen?

Außerdem hatte doch jeder ’Psycho’ seine eigene Hölle und Teufel für sich.

Wie konnten ’die da draußen’ denn auch denken, das - was bei einem Anderem geholfen hatte - auch bei ihr helfen würde?

So wuchs die Mauer, und der Panzer wurde immer dicker, bis sie keiner mehr erreichen konnte. Aber sie funktionierte – bis auf zeitweise Aussetzer, wo sie sich dann mit Hilfe von Schnitten in die Haut – und wenn es besonders schlimm war bis tief ins Fleisch – wieder in die reale Welt zurückholte. Als Ausweg vor dem Selbstmord, der sonst unweigerlich lauert.

Sie hatte es so als Lösung für sich akzeptiert – damit konnte sie leben.
Sie trug auch ihre Narben für alle sichtbar vor sich hin.

Ein Schutzschild!
Seht her wie hässlich und kaputt ich bin – macht lieber einen großen Bogen um mich! Ist besser, wenn ihr mich in Ruhe lasst. Eine Zeitlang hatte sie auch versucht mit Magersucht – bis hin zum klinischen Stadium – das Leben und die Menschen von sich fern zu halten.

Aber ’Dank’ aufmerksamer Menschen hatte sie auch das überlebt.

Jetzt hatte sie sich - nach all den Irrungen mit exzessivem Sex, Drogen und Alkohol – einen ’goldenen Weg’, auf dem sie gehen und ihr keiner mehr etwas anhaben konnte, angelegt.

Gefühle und Träume, Hoffnungen und Ängste - hinter ihrer Mauer begraben.

Das kannte der alte Mann zur Genüge.

Er hatte es doch vor ewigen Zeiten selbst so gemacht. Nein – er ’ritzte’ nicht an sich herum. Er hatte sich ’seinen Freund’ zugelegt der ihm alles abnahm. Er hatte keine Narben mehr, die ihn an seine schlimme Zeit erinnerten.

Nicht zum Vorzeigen jedenfalls!
Die waren nur auf seiner Seele zu sehen – und die war für alle unerreichbar.

Und jetzt sein kleines Mädchen...

Es kam ihm vor als würde er in einen Spiegel schauen, sich als kleiner Junge in ihren Augen wiederfinden. Die Erinnerungen daran, wie bitter und hart so ein Leben ist, stiegen wieder in ihm empor. Warum ist das Leben nur so ungerecht, und lässt jetzt ausgerechnet sein kleines Mädchen durch eben diese Hölle gehen?

Er wusste nur zu gut wie es in ihr aussah.

Aber ihm war auch klar, das jede Hölle seine eigenen Regeln hatte – unvergleichbar ist.
Und jede Tür in diese Hölle war zu gut verborgen - um dort hinein zugelangen zu können.

Um nicht mitzuleiden - sondern um das Mädchen in die Arme zu nehmen und vor den Teufeln zu beschützen - dafür musste man die Tür erst einmal finden.

Um Gottes Willen – er war nicht so dumm um sich einzubilden sie ’heilen’ zu können.

Heilung gibt es nicht – das hört erst mit dem Tod auf.
Es gibt nur die Möglichkeit damit umzugehen - ’ES’ im Schach zu halten – das ist alles.

Ist wie mit einer Bombe – so eine zerstörte Seele.
Einen Draht zerschneiden, oder sie schüttelten – zack fliegt sie einem um die Ohren.

Das ist eben der einzige Vorteil – den das Alter so mit sich brachte, man wurde schlauer.

Und jetzt sollte sich alles, was ihm selber je widerfahren war, endlich positiv auszahlen.

Ja, der alte Mann war sich ganz sicher die Hölle des Mädchen zu kennen. Es hatte sie ganz deutlich in ihren Augen gesehen – für einen flüchtigen Augenblick.

Auch hatte er gesehen, wie hinter ihrer harten Schale und der steinernen Maske, ihre Sehnsucht nach Nähe, Wärme und Zuneigung aufblitzte.

Für diesen winzigen Moment stand der Schrei nach Geborgenheit in dem Raum.

Und da er jetzt endlich per E-Mail den Kontakt zu ihr halten konnte, fing er an sich mit ihr zu schreiben.

Ganz behutsam und belanglos zuerst – Übliches bla, bla und Musik, um sich erst einmal wieder an einander zu gewöhnen.

Sich näher kommen braucht Zeit – Vertrauen muss wachsen.

Nur nicht überfallen und drängeln.
Stück für Stück offenbarte der alte Mann mehr von seiner Vergangenheit und seinem Seelenleben – als Preis für ihr Vertrauen. Sein Problem war nicht unbedingt das er nur noch ein alter abgewrackter Mann war. Daran störte er sich schon lange nicht mehr. Warum auch, denn je mehr er verfiel – um so näher kam er seinem Ziel - endlich sterben zu können.

Aber er war trotz allem ein ’Schwanzträger’ – ein Kerl! Und das ist das Handicap das er hatte.

Sein kleines Mädchen hatte ’Böses’ erlebt mit Kerlen – Sie hatten sie auf dem Gewissen.

Sie hatten sie Vergewaltigt – zu dritt.
Und ’DIE’ hatten sie damals damit Umgebracht - und zu diesem Zombie gemacht.

Und der alte Mann - als Kerl – versuchte ja jetzt ihr Vertrauen und ihre Nähe zu gewinnen.

Unmöglich?

Fast, aber er war ja lange Zeit ihr ’Vater’ für sie gewesen.
Das sollte doch wohl den Weg zurück zu ihr ebnen können – so hoffte er.

Es lief auch alles gut mit ihnen.
Wie eine kleine Made nagte er sich ein kleines Loch in ihre Mauer und ihren Panzer, zwängte sich in ihr Leben - nein - in ihr Bewusstsein zurück. Je mehr er von sich preisgab, um so näher kamen der alte Mann und das Mädchen sich. Eines Tages dann bekam er endlich die heißersehnte Mail, das sie ihn sehen wolle und ihn besuchen kommen würde.

So vertraut der alte Mann und das Mädchen sich doch in ihren Schreiben auch vorgekommen waren, um so unvorbereiteter traf sie dann das Treffen ’im echten Leben’.

Wie sehr hatte der alte Mann sich doch gewünscht, das sie ihn wieder – wie an diesem einen Abend – vor Freude um den Hals fallen würde.

Das er sie in die Arme schließen und ihre Nähe in sich aufsaugen könnte.

Nein – sie trug nicht ein Schild vor sich her, auf dem stand „Ich traue dir nicht – komm mir bitte nicht zu nahe“. Der alte Mann konnte in ihr wie in einem Buch lesen, der brauchte so ein Schild nicht - um das zu erkennen.

War sie doch wie sein Spiegelbild...

Aber seine Sehnsucht danach, endlich alles was sie getrennt hatte zu überwinden, lies ihn seinen ersten Fehler machen. Er ging auf das Mädchen zu und drückte es einfach fest an sich. In seiner Unsicherheit drückte er sogar so fest zu, das er die Knochen des Mädchens knirschen hörte.

Und er spürte keine Wärme von dem Mädchen.
Das hatte sich augenblicklich in eine Salzsäule verwandelt.

Wenn es wenigstens nur Überraschung oder Verwunderung über den Gefühlsausbruch des alten Mannes gewesen wäre, hätte man es unter dumm gelaufen abbuchen können.

Aber zu deutlich lag der Vorwurf: 

"Du hast meine Grenze einfach überschritten – Ich wollte das nicht", in der Luft. Der alte Mann konnte spüren das es genau das war, was das Mädchen so erstarren ließ.

War er doch immer selber so gewesen – ein ganzes Leben lang.
Immer hatte er dieses Schild „Bitte nicht anfassen – Füttern verboten“ auf der Stirn kleben gehabt, hatte erwartet das die Anderen sich daran halten.

Und nun verstieß ausgerechnet er dagegen - gegen diesen ihren Wunsch.
Er hätte es besser wissen müssen – der alte Mann.

Und so nahm das Unheil seinen Lauf.

Der alte Mann nahm sich vor jetzt vorsichtiger zu sein, und auf Distanz zu achten.

Das Mädchen hatte ihm den Fehler anscheinend auch schnell verziehen, gab aber ihre ’hab acht Haltung’ nicht mehr auf. Sie hatte dem alten Mann, wie versprochen, viele Bilder aus der Zeit, wo er von ihr getrennt war, mitgebracht, die sie sich zusammen ansahen. Er hatte sich zwar neben sie auf das Sofa gesetzt, achtete aber peinlich genau darauf ihr nicht zu nahe zu kommen, und ein nettes entspanntes Gespräch entwickelte sich.

Aber dann kam leider der Punkt, wo das Mädchen dem alten Mann erklärte das sie einfach keine Erinnerung an diese – ihre gemeinsame Zeit mehr - hatte. Sie musste alles tief begraben haben, was vor ihrer Zombiezeit passiert war. Es war einfach nicht mehr da, was vor diesem Zeitpunkt lag.

Nein – nicht die Orte oder Gegenstände, sie hatte ja hergefunden nach all den Jahren.

Gefühle, Gerüche, Geschmack. Eher in diese Richtung, wenn er das richtig mitbekommen hatte. In dem Kopf des alten Mannes entstanden jedenfalls die Sätze:

"Ich kenne dich nicht – Ich weiß zwar wer du bist, aber ich habe keine Gefühle mehr. Die fehlen mir – du bist mir fremd".

Das konnte der alte Mann sich aber nicht eingestehen – jedenfalls noch nicht.

Und damit war sein wahrscheinlich größter Fehler an diesem denkwürdigen Abend unausweichlich.

In den Augen des alten Mannes saß da ’sein kleines Mädchen’, das so lange Zeit hier an den Wochenenden auch Zuhause gewesen war. An dessen Bett er gesessen und ihr beim Schlafen zugesehen hatte. Das auf seinem Schoß gesessen, ihn geknutscht und vertraut hatte.

Aber das Mädchen hatte, nach einem Versuch den alten Mann mit ihren knallharten Sätzen aus der Reserve zu locken, angefangen sich unwohl zu fühlen.

Nicht nur das sie sich inzwischen bis in die äußerste Ecke des Sofas verkrochen hatte. Das war kein Problem für den alten Mann, da er sich ja selber schon in die anderen Ecke des Sofas verzogen hatte. Wie es sich eben für einen Spiegel gehörte, dachte er unwillkürlich als ihm das auffiel. Sie waren sich einfach zu ähnlich in ihrem Verhalten - Kaputte Existenzen eben.

Nur das bei dem Mädchen dieses - sich unwohl fühlen - dazu führte, das die Narben von ihren Schnitten an dem ganzen Körper anfingen zu jucken. Das Mädchen schob sich die Hosenbeine hoch um sich die Beine zu kratzen, kam aber nicht so richtig an die Stelle, wo sie sich kratzen wollte. Instinktiv sagte der alte Mann zu ihr, das sie sich ruhig die Hose ausziehen könne, um sich dort kratzen zu können. Ihn würde das nicht weiter stören.

Warum auch – war er doch noch nicht bereit dazu zu akzeptieren, das es das Grundvertrauen zwischen ‚Vater und Tochter’ bei ihr nicht gab.

Zu abwegig war der Gedanke für ihn, dass das Mädchen ihn gar nicht als ihren Vater, sondern nur als Erinnerung daran...
das es ihn einmal gab in ihrem Leben – sah.

Das Entsetzen in ihrem Gesicht!

Wenn sie ihn geschlagen hätte, das hätte ihn nicht so sehr verletzten können.

Das war der Moment, wo der alte Mann begriff das er für sie nur ein Fremder aus fernen Tagen war. Aber da konnte er das Gesagte nicht mehr zurücknehmen, selbst wenn er es gewollt hätte.

Er hatte keine Ahnung was das Mädchen bei diesem Satz empfunden hatte – aber er war ihr Feind geworden in diesem Augenblick. Er war für das Mädchen nicht mehr länger eine Erinnerung daran, das es auch mal anders war, sondern auch nur einer von diesen verdammten ’Schwanzträgern’, vor denen sie sich hüten musste.

Wie und woher sollte sie auch wissen das er so ganz anders war, als all diese Kerle auf dieser Welt? Und nun fühlte der alte Mann sich als Verbrecher – der ihr an die Wäsche wollte – von dem Mädchen behandelt.

Das war es dann – der Abend war gelaufen.
Tief zog er sich wieder in sein Schneckenhaus zurück. Sie verbrachten den Rest des Abends mit harmlosem Geplänkel. Smalltalk eben wie es sich gehört. Musik, bla, bla.

ALLES AUS! Wegen eines dummen - aber nett gemeinten Satzes.

Irgendwann klingelte ihr Handy und erlöste den alten Mann und das Mädchen davon, dieses Schauspiel weiter spielen zu müssen. Jetzt musste er sie zum Abschied nur nicht merken lassen, wie aufgewühlt und enttäuscht er war.

Er wusste doch zu genau das sie nichts dafür konnte und nicht absichtlich so reagiert hatte. Er war doch so unendlich dumm gewesen, in seiner Vertrauensseligkeit.


Dabei war doch sein ganzes Leben lang der Grundsatz „Vertrauen ist gut – Kontrolle ist besser“ seine Maxime gewesen. Warum hatte er sich diesen Abend nur nicht daran gehalten? Aber es war doch sein kleines Mädchen, zu abwegig der Gedanke daran das irgendwas zwischen ihnen stehen könnte!

Das Worte so etwas auslösen könnten. Doch nicht zwischen ihnen!

Er hatte doch nur gesagt:

"zieh doch die Hose aus, dann kommst du besser ran", und nicht
"Hose runter ich will deinen Schlüpfer sehen", oder gar
"Hose runter ich will dich vögeln".

Aber genau das hatte sie ihm - mit dem Entsetzten in ihrem Blick - gesagt.

Egal, der alte Mann sagte ihr noch mal das sie hier nach wie vor – wie damals – Zuhause sei, und zeigte ihr, wo er einen Schlüssel für sie hingehängt hatte. Sie könne jederzeit, egal ob Tag oder Nacht, hierher kommen, wenn sie aus welchem Grund auch immer - aus ihrer Welt flüchten muss. Aus dem Sofa könne man einen Schlafplatz machen, und oben wäre auch noch das alte Zimmer von früher.

Aber da wusste er schon genau, das sie sich lieber vor einen Zug werfen würde, als jemals davon Gebrauch zu machen.

Woher der alte Mann das so genau wusste? Wie gesagt – der Spiegel!
Genauso hatte er doch sein Leben lang selber gehandelt.

Der alte Mann und das Mädchen standen sich im Vorbau noch eine kleine Ewigkeit beim Abschied gegenüber.

Das erste Mal an diesen Abend traute er sich ihr tiefer in die Augen zu sehen.
Deutlich konnte er sehen, dass das Mädchen ihm etwas sagen wollte – aber nicht konnte.

Und der alte Mann konnte nicht erkennen was es war – zu fest saß die Maske schon wieder in ihrem Gesicht.

Also ging er auf das Mädchen zu und nahm sie zum Abschied noch einmal in seine Arme.

Und das Mädchen ließ es über sich ergehen.

Dann war der alte Mann wieder alleine und seinen Zweifel ausgeliefert.

Das Prinzip Hoffnung?
Er suchte nach Ausflüchten.
Hatte er sich nicht doch alles nur eingebildet?

Netter Versuch – aber es wäre eben nicht sein Leben gewesen, wenn es nicht genauso passiert und genau diese Auswirkungen gehabt hätte.

Nachdem der alte Mann sich lange genug seinen Selbstzweifeln ausgeliefert hatte, machte er sich daran eine Mail zu verfassen, um sie an das Mädchen zu schicken. Genau genommen waren es mindestens sechs oder sieben gewesen, aber die hatte er schnell wieder gelöscht. Damit würde er auch das letzte bisschen Hoffnung darauf alles richtig zu stellen und wieder zu kitten – um das Mädchen nicht wieder ein zweites Mal zu verlieren – zerstören.

Er fand einfach nicht die richtigen Worte, da ihm immer wieder seine Gefühle einen Streich spielten. Letztlich machte er ein kurzes förmliches Anschreiben daraus.

Wie von einer Behörde oder so.
Eben ohne ihr sein Gefühlschaos zu offenbaren.

Er wollte das Mädchen doch nicht bedrängen.
Sie musste doch auch mit ihren Gefühlen zurechtkommen.

Der alte Mann bot er ihr an das sie ja gute Freunde – Seelenverwandte eben - sein könnten, wenn sie das ’Vater-Kind’ Empfinden gar nicht mehr hätte. Warum sollte sie ihm auch etwas vorspielen müssen. Sie hatte doch schon genug Probleme mit dem Leben und der Welt klarzukommen.



Darauf – das er ihr damit ’das letzte Stück Heimat’ geraubt haben könnte, kam er erst als er diese Zeilen gelesen hatte, die ich gerade schreibe.

Kann sein das der alte Mann in seinem Wahn die letzte Mail, die er von dem Mädchen bekam, falsch verstanden hatte. Aber sie hatte mit ’deine Freundin’ unterzeichnet. Das hatte ja nichts negatives zu bedeuten, könnte aber nach allem auch ironisch gemeint gewesen sein. Woher sollte er das wissen? Sie wollte ihm ganz viel zurück schreiben – aber dafür bräuchte sie halt viel Zeit und Ruhe stand noch in dieser Mail.

Das war jetzt ewig lange her – und sein Postfach blieb leer. Der alte Mann tröstete sich damit, dass das Mädchen eben ein aufregendes Leben führte, und das da eben keine Zeit über sei - um ihm zu schreiben.

Aber jedem Morgen war sein erster Blick eine Kontrolle, ob sie ihm doch endlich geschrieben hatte, und Abends, bevor er ins Bett ging, war es seine letzte Handlung.

Doch nichts passierte – und so war er sich sicher das er sie jetzt ein zweites Mal – und damit für immer verloren hatte.

Der alte Mann hatte in den Tagen - als er noch immer auf eine Mail von ihr wartete und hoffte – viele, viele Mails an sie geschrieben. Abschieds-Mails sowie Bitt- und Bettel-Mails – sie aber nie abgeschickt.

Er wollte die Hoffnung nicht verlieren.
Etwas zu ahnen ist nicht so schlimm - wie etwas zu wissen.

Er hatte aus der Masse der Mails einen Brief entworfen, der alles erklären – aufklären und gleichzeitig als ’bleib bitte bei mir’ und auch als Abschiedsbrief zu sehen war. Der alte Mann bekannte sich ohne Umschweife seiner schweren Vergehen darin für schuldig, versuchte dabei das Mädchen aber Verständnis für seine Handlungen abzuringen. Er verabschiedete sich darin von ihr, und bat sie gleichzeitig dabei doch bei ihm zu bleiben.

Der alte Mann war zerrissen - zwischen dem Bedürfnis ihr nahe zu sein und sie gehen zu lassen.

Nein – er schickte nichts von allem ab.
Er wollte sie nicht nerven mit seinem Kummer.
Er wollte seinen Traum davon – sie eines Tages wie früher in den Armen halten zu können auf keinen Fall aufgeben.

Er wollte doch einfach nur SEIN Kind, SEIN kleines Mädchen –
das es allerdings schon lange nicht mehr gab - wiederhaben.....

Sie war ihm einfach zu wichtig!
Er fühlte sich einfach zu schuldig.






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