Text zum Buch 'mein Paradies der Hölle' Band II - 'HeimZeit'
Keine Ahnung mehr, wie dieser Ausdruck 'böses Blut' in meinen Kopf gekommen ist. War wohl noch der Verdienst meiner Pflegemutter gewesen, denn die hatte ja jede Menge solcher Sachen drauf.
Ein Beispiel:
"...wer denn meine Eltern eigentlich sind", fragte ich eines Tages.
"Dich hat der Esel im Galopp verloren. So einen wie dich bringt keiner freiwillig zur Welt", war die 'nette' Antwort meiner Pflegemutter darauf. So wird sie mir wohl auch dies 'böses Blut' eingeimpft haben, wenn ich mal etwas anstellte.
Egal, hat hier nichts mehr zu suchen. Sorry dafür.
Warum es passiert ist, dass jetzt dieser Ausdruck 'böses Blut' in meinem Kopf rumschwirrt, dass weiß ich aber genau.
Es ist mal wieder einer dieser Tage, an dem mein Lehrmeister mich in den Wahnsinn treibt.
Herumschreien und toben mit mir, obwohl ER selbst doch schuld ist.
Aber das ist ja egal, dafür hat man ja schließlich Lehrlinge.
Als ich vom Plumpsklo zurück komme, wo ich erst mal eine Beruhigungskippe geraucht habe, da ist es passiert.
Er steht mit dem Rücken zu mir an der laufenden Bandsäge. Ein Uraltmodel ohne die nötigen Schutzeinrichtungen.
Freilaufende Bandsäge. Die Einladung schlecht hin.
Langsam gehe ich auf ihn zu, und trete ihm von hinten die Beine weg, so das er mit dem Schädel in die laufende Bandsäge fällt. Ein aufjaulen des Motors und das spritzen von Blut, ist alles was ich für den Augenblick wahrnehme.
Dann bin ich wieder klar und gehe an meine Werkbank um weiterzuarbeiten. Aber der Gedanke daran, es wirklich zu machen - war noch nie so deutlich in mir. So bildhaft hatte ich es mir zuvor noch nie vorgestellt.
Und von diesem Augenblick an sind sie da, diese Worte.
Immer und immer wieder sagt eine Stimme in meinem Kopf dieses 'böses Blut' zu mir.
Wird zur Manie, und übertönt selbst das Gegröle meines Meisters. Oh mein Gott, hoffentlich ist bald Feierabend – ich muss hier raus. Ich drehe durch.
Stunden später:
Ich sitze in der Lehrlingsgruppe, oben im Kinderheim, und es kreist immer noch 'böses Blut' im Schädel. Der Drecksack in meinem Kopf gibt einfach keine Ruhe. Egal was ich auch immer anstelle – seine Stimme ist immer zu hören. Keine Ablenkung hilft. Egal was auch immer ich mache, er ist lauter. Überschreit alles. Selbst die laute Musik hilft da nicht.
Die Idee, schlagartig ist sie da.
Das 'böse Blut', das muss einfach nur raus aus dem Körper, dann ist wieder Ruhe.
Na klar doch, ist doch ganz offensichtlich. Das will der Kerl in meinem Kopf mir doch nur klar machen. Weg mit dem 'bösen Blut', bevor etwas unaussprechliches passiert. Nicht das ich tatsächlich noch dem Meister mal die Beine wegtrete. Obwohl, verdient hätte er es ja.
Ich habe eine schöne Spritze, eine Megapumpe. So eine richtig schöne große mit einer dicken fetten Nadel. Die habe ich als Souvenir aufbewahrt, von damals - von meiner Hormonbehandlung. Es schüttelt mich, wenn ich an diese Folter zurückdenke.
Aber diese Fixe, die kann ich jetzt gut gebrauchen.
Ich sitze mit der Fixe im Klo eingeschlossen. Langsam steche ich die Nadel in die dicke Vene. Ich habe so richtig geile Adern. Dick und prall gefüllt zeichnen sie sich auf meinen Armen ab. Wie Straßenkarten. Kein Problem eine geeignete Stelle zu finden. In der Armbeuge, wo zwei dieser Ungetüme zusammenstoßen, da habe ich die Nadel jetzt stecken. Langsam drücke ich mit dem Daumen den Schieber der Fixe nach oben.
Böses Blut, da fließt es in den Kolben der Fixe.
Liegt es am Licht, oder ist es nur Einbildung? Zäh und schwarz rinnt das 'böse Blut' unaufhaltsam in den Kolben. Es geht mir gut dabei, wird immer besser. Das Blut wird, je voller die Pumpe wird, wieder heller und flüssiger.
Das 'böse Blut' kann mich nicht länger vergiften.
Der Kopf gibt Ruhe, die Stimme ist verklungen – alles wird gut.
Böses Blut...
Ein Ritual ist geboren.
Mein Meister macht weiter so mit mir - Ich auch!
Ich gehe nicht mehr zum Rauchen auf das Klo, ich lass lieber das 'böse Blut' ab, damit ich ihn nicht doch noch eines Tages in die Säge trete...
Frühling, Wärme, hochgekrempelte Ärmel bei der Arbeit.
Mein Meister will wissen ob ich krank oder ein Fixer bin, und zeigt auf meine zerstochenen Arme. Ich habe ihm was von Aufbaupräparaten erzählt. Und klargemacht, dass ein Fixer diese Zwangsarbeit gar nicht überstehen würde. Hat das Arschloch nicht geschnallt, das mit der Zwangsarbeit. Na ja, Bild-Leser, was kann man da schon erwarten? Wie soll der auch mitbekommen was ich alles zwischen den wenigen Sätzen, die ich überhaupt mal von mir gebe, so zu ihm sage. Ist halt sehr einfach gestrickt, der Kerl.
Wann das aufgehört hat, dass mit dem ‚bösen Blut’ ablassen?
Ich glaube, als das mit Susi und dem Heimleiter anfing.
Da hatte ich endlich wieder besseres zu tun, als mich über meinen Meister zu ärgern. Meine Zeit der Rache an den Sack Horst Hasser war endlich gekommen. Hatte ja auch lange genug auf eine passende Gelegenheit dafür gewartet.