Vor Gericht
Kurzroman zum Thema Jungend
Schon wieder ließ man mich warten.
Und diesmal konnte ich nicht einmal eine Zigarette rauchen, da man das in der Öffentlichkeit ja eigentlich erst ab achtzehn Jahren darf. Im Grunde kratzte mich das relativ wenig, aber ich hatte mir vorgenommen, ein ganz liebes Mädchen zu sein, wenigstens für die Dauer des heutigen Nachmittags. Was blieb mir also übrig, außer total angenervt vor einer vollgesprayten Bushalte zu stehen und zu versuchen, die dämlichen Pseudonyme zu entziffern.
Der Anwalt kam fünf Minuten nach der vereinbarten Zeit.
Er war mittelgroß, ungefähr so vierzig bis fünfundvierzig Jahre alt, hatte ein peinliches, aber gepflegtes Outfit, Anzug und Krawatte, zurückgekämmte, schwarze Haare und rauchte eine Zigarette.
Ich erkannte ihn eigentlich nur, weil er an seiner linken Anzugstasche ein Namensschild hatte.
"Guten Tag, Herr Berlich. Ich bin Svenja Ingrette", begrüßte ich ihn mit meinem strahlensten Lächeln.
"Guten Tag, Svenja. Wartest du schon lange?"
Seine Stimme war sanft und wirkte beruhigend auf mich. Bremse hatte Recht gehabt. Dieser Typ schien in Ordnung zu sein.
"Überhaupt nicht! Ich liebe frische Luft!"
Okay, das war gelogen, aber ich wollte nett und irgendwie süß rüberkommen, damit sie mir die zurechtgelegte Story besser abkaufen konnten.
"Bist du mit dem Bus gekommen?“, fragte er, während er seine Kippe hastig zu Ende rauchte und dann ausdrückte.
"Nein, so welche Erzieher aus meinem Heim haben mich im Auto gebracht und wollen mich wieder abholen“, log ich.
"So?", meinte er,
"Und wie geht´s dir sonst? Bist du sehr aufgeregt?"
"Hält sich in Grenzen, aber ein wenig schon!"
Er lachte erheitert und schlug vor:
"Gut, dann komm mal mit rein!“
Mit schnellen Schritten drängte er mich vor sich her in das Gebäude, das ich über alles hasste, obwohl ich es noch nie von Innen gesehen hatte.
Es ging durch weiße, saubere Flure, an immer gleich aussehenden Türen vorbei. Genauso trostlos, entmutigend und doch so angebermäßig hatte ich mir die Sache vorgestellt.
Wir erreichten sein Büro und er schloss hinter mir die Tür.
"Setz dich, wo immer du willst!", sprach er mit Gastgebermiene.
Sein Arbeitszimmer schien nur aus Akten, Büchern und allerlei Papierkrahm zu bestehen. Außerdem hing ein Bild an der Wand, das ihn neben einer echt gut aussehenden Frau zeigte. Das musste seine Ehefrau oder Freundin oder etwas in der Art sein. Man, da hatte er echt einen guten Griff gemacht.
Ich musterte das Zimmer genauer.
Mit meinem schnellen Blick, den ich an dieser Stelle einmal loben möchte, fiel mir sofort der grüne Aschenbecher mit goldenem Rand auf, der blitzeblank schimmerte. Er passte zu dem weißen Ledersessel, in den ich mich setzen durfte. Richtig schick und sicher arschteuer! Noch erwähnenswert finde ich die dicke, weiße Kaffeemaschine, die auf einem Beistelltisch stand, sowie einen kleinen, weißen Schrank, der abgeschlossen zu sein schien.
Die Bude war schon okay, auch wenn es jetzt nicht unbedingt meinem Style entsprach.
Herr Berlich setzte sich mir gegenüber und schlug einen der schweren Ordner auf, die über den Schreibtisch verteilt lagen.
"Das wichtigste ist,", begann er,
"dass du ganz ruhig und natürlich bleibst."
Das war ein Rat, den ich mir schwer umsetzbar vorstellte, schließlich würde ich ja nicht unbedingt die reine Wahrheit verraten.
Bei uns in der Gang gab es, wie das wohl immer so ist, den Ehrenkodex, an den sich jeder halten musste, egal wie übel der Boden brannte.
Dieser schrieb unter Anderem vor, dass man nie groß was über die Gang verriet. Natürlich musste man beispielsweise bei den Bullen irgendwelche Leute als Freunde angeben, wenn sie dabei gewesen waren, aber von "Der Gang" durfte da nie die Rede sein.
Außerdem hieß es auch, dass du, wenn du zuviel verrätst, selbst für dich verantwortlich bist. Wenn ich also behaupten würde, es wäre mein erstes, großes Ding und die hätten mich in ihrem Speicher für Verbrecher, würde ich mich selbst damit in die Tinte reiten, weil die dann wegen geringer Glaubwürdigkeit sicherlich mehr Nachforschungen anstellen würden.
Aus diesen Gründen hatte ich mir mit meinen Freunden eine Geschichte zusammengebastelt, die hoffentlich stichhaltig genug erschien.
Die Schwierigkeit lag auch nicht am Lügen selbst, das hatte ich ohne Weiteres schon einemillionen Mal gemacht!
Ne, es ging hier darum, dass ich vors Gericht kam. Ich hatte schon oft in der Glotze diese ewig langweilenden Nachmittagsgerichtshows gesehen und glaubte auch nicht, dass das Real life ebenso wäre, aber einen gewissen Panik-Push gaben sie mir schon.
Herr Berlich blätterte kurz in seinem Ordner, legte diesen dann vor sich auf den Tisch und blickte mich erwartungsvoll an.
"Zwar habe ich hier die Akte und das psychologische Gutachten, das bei deiner Jugendberatung erstellt wurde vorliegen und auch gründlich studiert,", sagte der nette Jugendanwalt und ich fragte mich, worauf er eigentlich hinaus wollte,
"aber hätte es trotzdem gerne noch einmal aus deinem Mund gehört. Vielleicht liegen ja noch letzte Missverständnisse im Weg, die wir besser unter uns beiden klären sollten."
Ich atmete innerlich durch. Das war es also. Eine letzte Generalprobe vor dem großen Spiel. Nichts Böses, eher eine gute Chance.
"Okay, es war so", begann ich,
"Ich kam mit meinen Freunden von einer Party. Wir waren schon ein wenig, naja, angetrunken, sie kennen das sicher!"
Er nickte, grinste und zwinkerte mir verschwörerisch zu.
"Auf jeden Fall waren wir ein wenig übermütig und beschlossen, einige Mutproben zu machen, um praktisch den Sieger oder die Siegerin des Tages krönen zu können."
Wieder unterbrach ich mich, um kurz zu schauen, wie mein Jugendanwalt das Geschilderte aufnahm.
Er saß mir immer noch ruhig und freundlich gegenüber. Zwar erwartungsvoll, aber auch entspannt. Er glaubte ja immer noch, es wäre alles real und ich müsse vorsichtig mit dem Topic umgehen. In soweit war auf jeden Fall noch alles in Ordnung. Was er aber vielleicht im Inneren dachte konnte ich nicht ergründen.
Schnell riss ich meinen Blick von ihm, schließlich wollte ich ihn erstens nicht länger als nötig anstarren, um keinen Verdacht zu erregen,
und zweitens mein sorgsam aufgebautes Selbstvertrauen nicht ankratzen, in dem ich wilden Spekulationen über seine Gedanken verfiel.
Locker fuhr ich fort:
"Die ersten Sachen waren natürlich vollkommen harmlos. Wir haben ein wenig auf Wahrheit oder Pflicht ohne Wahrheit gemacht und halt so kindisches Zeug wie 'Irgendjemand liebt Den-und-den' durch die Straßen gebrüllt, sind über Zäune und auf Bäume geklettert und die traditionellen Klingelstreiche durften auch nicht fehlen. Aber sonst echt nichts Wildes!"
"Und dann wurde es euch zu langweilig und weil die anderen Sachen so super geklappt hatten, musstet ihr weitergehen.", warf er ein, nachdem ich wieder eine Pause eingelegt hatte.
Ich nickte nur. Er schien mich wirklich zu verstehen und die Story abzukaufen.
"Aber", warf er ein und damit meine innere Ruhe durcheinander.
Erstaunlich.
Wie so ein kleines Wort eine so starke Reaktion auslösen kann.
Ich verkrampfte erneut und vielleicht sogar noch ein Stück heftiger als zuvor. Alles in mir zog sich zusammen, alles in meinem Kopf schrie:
'
Was hast du denn jetzt verkackt? Was Aber? Warum Aber?'
Etwas unruhig fummelte ich an meiner kleinen Handtasche herum, die nach einer gründlichen Durchsuchung und Zerstörung der in ihr herrschenden Rangordnung von den Sicherheitsfuzzies als 'ungefährlich' eingestuft worden war. Unwillkürlich suchten meine Finger das kleine Päckchen mit den Ziggis. Was hätt ich in diesem Moment für eine richtig reinkrachende Kippe gegeben?!
"Ich frage mich nur", begann er langsam, zu langsam für meinen Geschmack,
"ob ihr noch etwas Anderes, Ähnliches gemacht habt!"
Das war es also. Die Bombe platzte volle Kanne in mein Gesicht.
Was sollte denn diese Frage? Mich aus der Reserve locken? Mich zu ner unvernünftigen Antwort zwingen?
"Jop, wir haben ein Hochsicherheitsgefängnis gestürmt, die zum Tod Verurteilten vom Stuhl geholt, mit ihnen zusammen eine Bank überfallen und sind dann noch in nem entführten Reisebus nach Holland gefahren, um genügend Drogen als Proviant für die Flucht nach Amiland zu kaufen!", meinte ich sarkastisch.
Ich hätte fast selbst über meinen coolen Witz gelacht, hätte ich nicht seinen Gesichtsausdruck gesehen, der wenig bis garnicht amüsiert war.
"Svenja!", sagte er streng, während er mit den Fingern auf dem Deckel des Ordners trommelte,
"Deine Sprüche kannst du dir sparen! Ich muss die Wahrheit wissen! Ich muss dich verteidigen, dich glaubhaft darstellen, vielleicht sogar mehr wissen, als der Gegner, nur um einen Trumpf gegen ihn zu haben!
Verstehst du denn nicht, worum es hier geht?"
Ich senkte den Blick. Dass er sich so sehr reinhängen würde hatte ich nicht ahnen können.
"Doch", murmelte ich und lugte vorsichtig nach oben.
Er meinte nur:
"Das kannst du auch nicht wissen, Svenja. Schließlich bist du sicher ein wenig mit der Situation überfordert. Aber bitte, lass uns beim Ernst der Sache bleiben. Du weißt ja, dass ich für den einen oder anderen Spaß zu haben bin, aber übertreibe es nicht!"
"Sorry", meinte ich leise,
"War echt blöd von mir."
Knisternde Stille folgte.
"An dem Abend haben wir sonst Nichts mehr kaputt gemacht, glauben Sie mir!.", flüsterte ich und blickte ihm nun direkt in die Augen.
Sein Gesicht entspannte sich wieder. Ruhig sagte er:
"Jetzt mach dir mal keine unnötigen Gedanken. Ich bin ein alter Hase im Geschäft und kann dir sagen, dass es in Fällen wie deinen, hauptsächlich um die Lehre an sich geht, nicht um die Härte einer Bestrafung. Wenn Heranwachsende, wie du, noch unter das Jugendstrafgesetz fallen, ist kein Richter anwesend. Ein anderer Jugendanwalt, übrigens ein ausgesprochen guter Kollege von mir, wird die Anhörung führen."
Er blickte mich mit einem ermutigenden Lächeln an und fügte hinzu:
"Wir müssen jetzt dieses schnuckelige Zimmerchen verlassen, denn in fünf Minuten geht´s los und dann ist die Sache auch schon schneller über die Bühne, als du denkst!"
Er sollte Recht behalten.
Das Schlimmste für mich war der scheißgroße Raum, in dem die Party ablief. Dabei musste ich mich schon glücklich schätzen, dass es nicht der große Gerichtsraum für Erwachsene war, den man sonst vermuten würde, sondern ein kleiner, für nicht so krasse Fälle Ausgelegter.
Der Rest jedoch war fast genauso, wie ich es schon oft im Fernsehen gesehen hatte. Es fehlten nur die gespielten Wutausbrüche, seltsamen Enthüllungen und entrüsteten Schimpfworte.
Der Richter, in meinem Fall ein Kollege von Herrn Berlich, war nicht so emotional und aggressiv, wie ich befürchtet hätte.
Auch mein cooler Verteidiger machte seine Sache sehr gut, jedenfalls soweit ich es beurteilen konnte.
Es störte mich extrem, dass es so viele Zeugen gab.
Schließlich war es doch dunkel und zusätzlich ein Teil der Gang in der Nähe gewesen. Sie hätten sicher bemerkt, wenn wir beobachtet worden wären.
Andererseits ...
Jemand musste ja auch die Bullen gerufen haben, denn an einen Zufall glaubten weder Dave, Ich und schon gar nicht Gino, der der Boss unserer Gang war und schon mehr als genügend Erfahrung mit den Polenten gehabt hatte.
"Die können nicht zielen!", hatte er uns auf den Weg gegeben und damit nicht nur die Schussunfähigkeit der kleinen grünen Männchen gemeint, sondern auch deren Vorgehen im harten Street-Business.
Im Grunde jedoch war ich während dem ganzen Hin und Her zwischen den beiden Seiten recht entspannt und schaltete auch irgendwann in den Standby-Modus.
Ich wollte nicht alles verstehen, was hier gesagt wurde. Ich wollte einfach nur noch, dass es vorbeiging.
Das tat es dann auch. Der zweite Jugendanwalt und noch ein paar andere Leute verschwanden im Nebenzimmer, um sich zu beraten.
An diesem Punkt fuhr mein Prozessor wieder hoch. Ich war kribbelig, wie vorhin und trommelte wilde Beats auf meinen Oberschenkeln.
Jetzt rückte die Sekunde der Wahrheit immer näher.
Und da kamen sie zurück!
Der Jugendanwalt, der den Richter ersetzte, begann mit einer langen Moralpredigt und verkündete dann das Urteil.
"... wird die hier anwesende Svenja Ingrette zu einer noch zu beziffernden Bußgeldstrafe, sowie 21 abzuleistenden Sozialstunden im lokalen Altenpflegeheim 'Braunbär' verurteilt. Die Sozialstunden sind innerhalb der kommenden Woche auszuführen und sollen der Verurteilten ein Signal für eine bessere, soziale Integration bieten. Sie können Einspruch erheben bis ..."
Die ganze Spannung verpuffte.
In der Physik heißt es, dass Energie nie verschwinden, sondern nur umgewandelt werden kann. In diesem Moment musste ich ihr leider widersprechen.
Ich fühlte mich ausgepumpt. All die Kraft, die mich für diesen Tag stark gemacht hatte, war ins Nichts verpufft.
"... Altenpflegeheim", kreiste es in meinem Kopf,
"... Verurteilte ...
... 21 Stunden ...
... soziale Integration ..."
Wieso ausgerechnet ein Altenpflegeheim?
Ich hasste die Dinger! Überall alte, kranke und vermutlich auch noch irgendwie behinderte Grufties! Wie sollte ich diese Hölle nur überleben? Eine ganze Woche? Was wäre mit Einspruch?
Hoffnungsvoll blickte ich zu Herrn Berlich, doch dieser schüttelte nur den Kopf.
Ich konnte mir schon denken, dass er die Strafe nicht mildern wollte, weil er davon ausging, sie könne mir wirklich helfen. Er hatte, soweit konnte ich ihn schon analysieren, ein idealistisches Menschenbild, das immer noch eine gute Seite in jedem sieht. Eine Eigenschaft, an der ich nicht rumnörgeln würde, ginge es hier nicht um eine Woche verdammten Dienst in einem beschissenen Altersheim, das auch noch 'Braunbär' hieß!
Er war eindeutig ausgeträumt, der Traum vom schmerzlosen Ende.
Der wahre Albtraum hatte soeben erst begonnen!