Text 23
Das darf doch nicht wahr sein!
Parodie zum Thema Selbstverwirklichung
"Das darf doch nicht wahr sein",
dachte sich der Autor, als er dank der Textstatistik erkannte, dass die nächste Aneinanderreihung verschiedener Wörter zu einem Ganzen seine dreiundzwanzigste Veröffentlichung dieser Art auf KeinVerlag.de werden würde.
Er fand es außerordentlich erstaunlich, wie schnell sich die Liste seiner an die Internetplattform für Autoren und Leser jeden Alters geschickten Werke gefüllt hatte.
Glasklar erinnerte er sich an seine allerersten Texte und Gedichte, die sich zaghaft an die Zehnergrenze getastet hatten.
Purer Wahnsinn und immer wieder unglaublich zu beobachten, wie sich alles entwickelte; Wie ein Traum Flügel und Flossen bekam und zum nicht greifbaren Leben erwachte.
"Das darf doch nicht wahr sein!",
sagte er sich, als er ständig die Zahl 23 vor seinem inneren Auge vorbeiziehen sah.
Für ihn war es nicht nur eine Zahl. Nein, sie war eine besondere Faszination!
Sie festigte seine flüchtige Pixel-Existenz in dieser virtuellen Literaturgallerie.
Schon ab dem ersten Moment war ihm klar gewesen, dass er ihr (und vorläufig zumindest nur ihr) einen Dank dafür widmen musste. Über sie hätte er locker einen ganzen Roman schreiben können ...
"Das darf doch nicht wahr sein!",
rief er aus, als ihm die zündende Idee kam.
Okay, für die 23 musste etwas Besonderes her, etwas ganz Außergewöhnliches. Warum denn kein eigener Text?
Nichts sprach dagegen.
Er hatte einige tiefsinnige Gedichte und andersartige Texte veröffentlicht, die Qualität genug besaßen, diesen niedrigen Anspruch wieder auszugleichen und sein Image als nachdenklichen und einfühlsamen Jungautor zu sichern.
"Das darf doch nicht wahr sein",
flüsterte er verunsichert, als er merkte, dass es schwer war, die wilden Gedanken zur 23 in eine einigermaßen sinnvolle Reihenfolge zu bringen.
Sie überflutete ihn mit Bildern, Eindrücken und Gefühlen.
- Verschwörung, Mystik, Nur durch sich selbst und die 1 teilbar, geheimes Symbol, Illuminaten ... -
"Das darf doch nicht wahr sein!",
stellte er nach längerem Überlegen fest.
Von wegen Mystik! Was war so toll daran zwischen 22 und 24 zu stehen? Die Drei am Ende oder die Zwei am Anfang?
Oder die Tatsache, dass ihre Zifferkombination erschien, wenn man des Zählens von 1 bis 3 bemächtigt war?
Klar, man musste selbstverständlich die 1 am Anfang streichen, aber die war ja ebenfalls so ein Kapitel für sich, auf das er allerdings zum jetzigen Zeitpunkt nicht näher eingehen wollte.
Dass sie eine Primzahl war, machte die 23 aber auch nicht gerade außergewöhnlich. Die 3, die 5, 7, 11, vor allem aber auch die 13 waren ebenfalls welche. Und hätte er sich mehr Mühe gegeben, hätte er sicherlich mindestens 23 weitere Zahlen dieser Gattung gefunden.
Für die ordentliche Auseinandersetzung mit der mysteriösen Komponente "Zahl der Illuminaten" zog er seine allwissende Freundin Wikipedia zu Rate, die ihm schon oft eine Erleuchtung zu liefern vermocht hatte.
Auch diesmal ließ sie ihn nicht im Stich. Lang und breit ließ sie sich darüber aus, dass es nicht historisch belegbar sei, dass dieser von Verschwörungstheorien umrankte Geheimorden die 23 gesondert behandelt habe.
Diese Zahl blieb ein Rätsel für den Autor, der nun versuchen musste, wieder einen Bogen zurück zum eigentlichen Thema zu spannen.
"Gut, dass die 13 schon zehn Texte entfernt ist",
murmelte er enttäuscht vor sich hin, denn hätte er dieses Experiment bei Text 13 angewandt, wäre es sicher in die Hose ... auf jeden Fall daneben gegangen - was auch immer.
Aber die 23 schien es ihrer Vorgängerin nachmachen zu wollen und sich zu einem echt peinlichen Auftritt zu entwickeln.
Waren 10 Texte zwischen den beiden Hübschen wirklich Abstand genug?
Stand die 23 selbst nicht ebenfalls für Unglück und Zerstörung? Wikipedia hatte sowas am Rande erwähnt.
"Das darf doch nicht wahr sein!",
schrie der Autor verzweifelt, als er endlich begriff, dass dieser Text seine zu Text 22 noch blühende Glaubwürdigkeit zerstörte.
Rasch suchte er im ganzen Haus nach den richtigen Worten, um auf ein wenigstens einigermaßen witziges Ende hinarbeiten zu können, wobei ihm leider viel weniger als dreiundzwanzig Möglichkeiten entgegen kamen.
Mit Vorsicht beschloss er, dass die 23 zwar weiterhin seine Lieblingszahl bleiben würde, aber Text 23 nicht das, wofür er ihn zu Beginn gehalten hatte.
"Hauptsache ist, ich hatte meinen Spaß!",
lächelte der Autor und stellte sich grinsend vor, wie der Qualität, Anspruch und Texttiefe suchende Leser über die Sätze hinwegglitt und dabei dachte:
"Das darf doch nicht wahr sein!"
28.12.09
Anmerkung von Schmetterlingshai:
Wie die 23 bin ich auf den ersten Blick ein wenig außergewöhnlich, doch im Grunde auch nur ein Kollege, der zwischen guten und besseren Autoren steht. Euch möchte ich an dieser Stelle für die Unterstützung danken, die ihr mir zukommen lasst!
Ein besonderer Dank geht an 'AlterMann', der mir keinVerlag.de empfahl und mir schon oft mit seinem Rat weiterhelfen konnte. Überraschung: Dieser Text ist dir gewidmet! :-)
Ich hoffe, der Text hat Dir gefallen, und Du empfiehlst ihn weiter...
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