Sonntag - bei Herrn X
Text zum Thema Alter / Gesellschaftskritik
Da war sie wieder - die Zeit der Stille.
Sonntag – oh wie er den Tag hasste.
Kein Zeichen von niemanden, und er hatte doch nicht mehr die Kraft sich von sich aus irgendwo zu melden. Wozu auch, war doch sowieso nie einer da, wenn er versuchte jemanden zu erreichen! Wie viel Zeit seines Lebens hatte er schon damit verbracht, dem Freizeichen an der anderen Seite der Telefonleitung zu lauschen, in der Hoffnung das irgendeiner den Hörer abhebt! Wenn er früher Kilometergeld für vergebliche Fahrten zu Bekannten oder Freunden, die na klar nicht da waren wenn er dort ankam, bekommen hätte, wäre er reich geworden!
Ne, von den Menschen und der Gesellschaft generell, hatte er sich schon vor langer Zeit verabschiedet.
Das war nichts für ihn.
Gab es überhaupt etwas schlimmeres - als von anderen Menschen abhängig zu sein? Aber so alleine auf dieser Welt, ohne Möglichkeit der Flucht daraus. Aus Armut, weil die Rente nicht reicht, gezwungen Tag für Tag zuhause zu sitzen und auf das gnädige Ende zu warten?
Wozu hatte er überhaupt gelebt?
Eine Zeitlang konnte er seine Existenz damit entschuldigen, das er ja für seine Frau da sein musste. Dafür war er auf die Welt gekommen! Um ihr wenigstens für eine kurze Zeit das Leben zu verschönern. Aber jetzt, je mehr die Erinnerung an das Wesen das sie ausgemacht hatte verblasste, um so mehr zweifelte er an dieser Vorstellung.
Das Wort Karma geisterte mal wieder in seinem Kopf herum.
Aber so sehr er sich auch sein Hirn zermarterte, er konnte beim besten Willen nicht erkennen warum er so ein schlechtes Karma hatte. Keine Rückbesinnung in ein anderes Leben, daran glaubte er im Grunde genommen auch nicht.
Aber in diesem Leben brachte er keine halbwegs vernünftige Erklärung dafür zu Tage.
Sicher, er war eine Zeitlang völlig von der Rolle.
Jegliche Gefühle und gesellschaftliche Regeln hatte er außer Kraft gesetzt. Aber egal wie er es drehte oder wendete, er kam immer zu dem Schluss das sein Fehler, der das schlechte Karma ausgelöst hatte - seine Geburt war.
Ja sicher!
Wenn er nicht leben würde, gäbe es kein schlechtes Karma.
Ganz einfach eigentlich?
Sicher nicht!
Er wäre nicht er gewesen, wenn er Selbst diese Lösung als Lösung aller Fragen und Probleme akzeptiert hätte.
Es ging doch noch weiter.
War da nicht der Samenfaden - der es so verdammt eilig gehabt hatte zur Eizelle zu kommen? Hätte ein anderer das Rennen gewonnen, wäre er nicht er geworden und das Leben hätte einen ganz anderen Lauf genommen.
Ohne ihn eben! So einfach?
Ne, zu einfach.
Waren doch da Vater und Mutter.
Die habe doch erst, aus ihrer Notgeilheit heraus, die Möglichkeit für dieses Wettrennen, das er gewonnen hatte, geschaffen. Hätte der Drecksack seine Hose zugelassen - oder wenigstens ein Gummi genommen, wären ihm die Qualen des Daseins erspart geblieben.
Sicherer allerdings wäre es wohl doch gewesen, das man den Vater schon nicht auf die Welt gebracht hätte.
Und da haben wir das Problem, an dem er immer wieder scheiterte.
Wie viele Generationen musste man wohl zurück gehen - um mit absoluter Sicherheit das Entstehen seiner Existenz zu verhindern. Würde er nicht irgendwann bei Adam und Eva ankommen?
Na ja, nicht wundern - einer dieser Tage eben, nichts besonderes!!
Bald ist es ja Zeit fürs Fernsehen. Das lenkt ab.
Na klar - einfache Lösung.
Einfach nicht denken.
Schön zumüllen lassen von bunten Bildern und heftigen Sounds.
Schön das er wenigstens heute und nicht vor hundert Jahren leben muss.
So gesehen!
So schlimm ist es doch alles nicht. Wird schon langsam wieder besser.
Eigentlich doch ein schöner Tag heute - die Sonne scheint und es ist brüllend heiß.
1 Juni... bald ist Geburtstag - 72 Jahre..
Gut das er niemanden mehr hat, auf dieser Welt, so merkt es keiner.
Wäre auch nicht das erste Mal, dass er sogar selber seinen Geburtstag vergisst.
Aber ist für ihn ja auch wahrlich kein Feiertag!
Nee, nicht wirklich.
Zapp - Fernseher angeschaltet, aufs Sofa gehockt und...
"hier ist das erste deutsche fernsehen mit den nachrichten.
schon wieder haben nachbarn einen grausigen fund gemacht.
nach angaben unseres reporters vor ort, wurde die halb mumifizierte leiche eines alten mannes vor dem fernseher aufgefunden. die nachbarn, die ihn als einen sonderling beschrieben, wurden durch den starken geruch der aus der wohnung drang, auf den toten aufmerksam.
nach ersten angaben der ermittler vor ort, starb der mann eines natürlichen todes.
als vorläufig todesursache wurde..."
„...und nun das Wetter...“
Gewidmet:
allen alleinstehenden alten Menschen...
Ich hoffe, der Text hat Dir gefallen, und Du empfiehlst ihn weiter...
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