Aufstehen - Den Wecker hassen - Sich kaum erheben können - Gähnen und ächzen - So wie immer. Noch müde, ja fast noch im Schlaf ins Bad schlurfen. In der Dusche an den letzten Tag denken. An einen Tag voller Stress, Arbeit und privater Spannungen. Und trotz alledem Einer, wie jeder andere. Und auch der Gestrige begann wie dieser: Mit Müdigkeit, Gedankensplittern, unerreichbaren Wünschen und gegen den eigenen Willen. Sich fragen, wozu man aufsteht, wenn dieser Tag doch ebenso werden wird, wie der Letzte. Sich vorstellen, welche Möglichkeiten bestehen - Welche Abwechslungen nur darauf warten, entdeckt zu werden - Welches bunte Leben vor der eigenen Nase blüht - Was alles sein könnte.
Und doch gleichzeitig wissen, wie es ist und auch heute sein wird. Wasser fließt über die Haut - Kitzelt zurück ins Leben - Spült die Träume gemeinsam mit dem Seifenschaum den Abfluss herunter. Das warme Nass streichelt den müden Körper, der sich so sehr nach einem richtigen Leben sehnt. Der weiß, dass das, was so wenig scheint, zuviel ist, zuviel für ihn. Nach scheinbar endloser Zeit sich einen Ruck geben. "Heute ist nicht Gestern und Morgen ist noch nicht vergangen". Mit dem allmorgendlichen Schritt aus der Dusche wird die Realität betreten und die Traumwelt verlassen.
Sich ankleiden - In die Küche schleichen - Kaffee kochen - Dabei das ungesunde, weiße Kastenbrot in den Toaster stecken - Nicht extra den Tisch dreckig machen, die Küchenablage reicht für ein Blitzfrühstück. Alles soweit. Das Radio einschalten - Gedudel, dass die Mehrheit der Menschen für Musik hält, über sich ergehen lassen - Wieder einmal fragen, was an dieser Welt kaputt ist - Keine Antwort finden. Sich ablenken und den Rest für das Frühstück richten. Zu langsam fließt das Wasser durch den Filter, wo es ihm doch vorhin in der Dusche nicht schnell genug gehen konnte. Den halb verkokelten Toast aus dem Apparat holen - Sich dabei die Finger verbrennen - Essen - Trinken, langsam fitt werden, Musik hören und ...
Fühlen - Denken - Wissen, dass an diesem Morgen etwas nicht ist, wie es sein sollte. Eine unbestimmbare Spannung breitet sich aus. Tief kriecht sie. Liegt überall. Dann erstarren - Die Nachrichten lösen das allmorgendliche Jammern ab - Zuhören - Sonderreport? - Sich fragen, was los ist - Die Spannung wachsen fühlen, wie gigantische Stromwellen, die durch den Körper rasen. Urplötzlich erschrecken - Ein Schlag, als ob man in eine Steckdose gefasst hat - Unkontrolliert zucken - Hilflos geschüttelt werden - Herumgeschleudert mit tausenden Fragen im Kopf - Heute? - Wie? Warum? ...
Währenddessen alles aus der Hand fallen lassen - Kaffee verschütten - Marmelade auf Pullover spritzen sehen - Jedem klaren Gedanken beraubt. Der Nachrichtensprecher bleibt unerbittlich, so als wäre er kein Mensch, der Gefühle in sich trägt, sondern ein teilnahmsloser Außerirdischer, dessen Planet jenseits jeder Radarwelle dieser Erde liegt. Mit zu vielen kalten Worten trägt er die unfassbare und vernichtende Nachricht hinaus, die über alle kommen wird, wie ein Sturm, alles zu zerstören, was je von Menschenhand aufgebaut wurde!
Dieses Gefühl: Dasitzen - Kalkweiß - Plötzlich wach wie nie zuvor - Vom Blitz getroffen - Entsetzt - Gelähmt - Mit Kaffee und Marmelade besudelt - Mit offenem Mund und schreckensweiten Augen! Wie kann man verstehen? Wie glauben? Wie hoffen? ... Was verstehen und glauben und hoffen? Dass es ein Witz ist, ein Irrtum, eine falsche Interpretation? Wie damit umgehen? Verwandte und Freunde anrufen? Wissen die das bereits? Wer hat das alles gehört und wer glaubt diesen Worten?
Langsam merken, dass die Starre abfällt - Unschlüssig aufstehen - Letzte Hoffnung in sich keimen spüren - Langsam am Gehörten zweifeln - Beweise suchend zum Fernseher gehen und einschalten - ... - Sehen, dass es eben doch wahr ist. Den Boden unter den Füßen verlieren - Taumeln - Fallen, nein schweben oder doch fliegen? - Endgültig und Unwiderruflich auf dem Boden der Tatsachen aufschlagen!
Doch die Welt erwacht auch heute. Es ist ein ungesundes, hektisches Erwachen, als sei sie mit kaltem Wasser überschüttet worden. Die Angst der Anderen ist nicht nur zu sehen und zu hören, nein, auch zu riechen. Sie stinkt - kriecht durch jede Ritze - Dringt in jeden Spalt - Erfüllt alle Räume, auch innerhalb des Körpers - droht, jede Vernunft zu betäuben. Sich gegen den Drang wehren, ebenfalls diesem Gestank nachzugeben - Nachbarn beobachten, die Koffer, Taschen, Tüten und Kinder in ihren Wagen stopfen. Tausend Schreie hallen in einem leeren und doch viel zu überladenen Kopf: Fliehen? - Vor dem Anfang, der so eben bekannt gegeben wurde? - Vor dem Ende, das dieser Anfang bedeutet?
Nichts wird mehr sein, wie es war, nichts wird sein, wie es sein sollte. Alle Träume, Vorstellungen und Pläne zerplatzen nutzlos, unwichtig im Gewitter des Schrecklichen. Alles wird weitergehen und doch wird alles stehen bleiben und sich gegen den Wind der Zeit drehen. Die Geschichte wird sich wiederholen, denn an diesem Morgen, der zunächst nichts war, als ein gewöhnlicher unter hunderten seiner Art, wurde der Weltkrieg ausgerufen!