Text zum Buch 'mein Paradies der Hölle' Band III - 'WeiterLeben'
"Kann ich mich zu dir setzten?".
Noch während er mich das fragte, zog er sich schon den Stuhl zurecht und grinste mich dabei frech an. Verstohlen warf ich einen Blick auf die Uhr – fast vier Uhr morgens. Eigentlich wollte ich schon lange nebenan, oben im Hotel, schlafen, konnte mich aber nicht aufraffen aufzustehen. Wozu auch, bei dem Lärm auf der Reeperbahn war an Schlaf eh nicht zu denken, und das gute Bauernfrühstück lag träge in meinem Magen, ließ mich satt und zufrieden vor mich hin träumen.
"Und, was liegt noch an", fragte er.
"Keine Ahnung, bin irgendwie wohl zu satt und zu faul um abzuhauen".
"Was treibt dich immer hierher? Langsam hast du dich zu einem Stammgast hier entwickelt. Immer nachts, immer alleine – und immer nur essen und dann eventuell nebenan ins Hotel. Kommst du zum Spaß, oder was treibt dich hier her?".
"Na, eine Menge Fragen auf einmal. Ich dachte immer, dass hier auf dem Kiez keine Fragen gestellt werden", lachte ich ihn an. "Nee, hier gibt es nun mal das beste Bauernfrühstück der Welt, dass ist auch schon alles".
Zum ersten mal nahm ich mir die Zeit ihn mir genauer anzusehen. Wie ein Franzmann sah er nun wirklich nicht aus, eher wie man sich einen Itaker vorstellt. Schwarze Haare, braune Augen, ein sauber ausrasierter kleiner schwarzer Schnurrbart und blendend weiße Zähne, wenn er – wie jetzt – breit lächelt. Die übliche Rollex am Arm und eine dünne Goldkette mit Anhänger.
"Ja, wem sagst du das mit dem Essen", dabei schob er genüsslich seine Hand über seinen kleinen Bauchansatz, "davon hab ich auch schon einiges verdrückt. Ich heiße übrigens Pierre, aber das hast du bestimmt schon mitbekommen. Und wie soll ich dich nennen", fragte er mich lässig.
"Tischler, alle nenne mich nur Tischler...".
"Wollen wir uns noch ein Bier gönnen, Tischler? Ich habe gleich Feierabend und keine Lust nach Hause zu gehen. Da wartet eh keiner auf mich".
"Ein andermal gerne, aber ich habe noch einiges zu erledigen. Von irgendwas muss der Mensch ja leben", versuchte ich ihn abzublocken.
Ich mochte es nicht mehr, wenn man zu schnell auf mich losging – suchte mir meine Gegenüber jetzt gerne selber aus. Obwohl er nie den Eindruck ’schwul zu sein’ auf mich gemacht hatte, bin ich in der Beziehung bös vorsichtig geworden. War noch nicht lange her, dass ich schon mal auf ’so einen’ reingefallen war. Ein Barbesitzer am Holstenwall. Kam eines Tages mit zwei Weibern im Arm hier vorbei und überredete mich mitzukommen. Dann hat er mich in seiner Bar abgefüllt und anschließend ’vernascht’. Die Weiber waren leider nur ’lecker Transen’ aus der Monika-Bar gewesen – und ich zu blöde das zu erkennen.
Egal, immerhin lagen morgens fünfundzwanzig Mark und neue Unterwäsche auf meinen Klamotten. Die Kohle konnte ich auch sehr gut brauchen, da mein letzter Bruch schief gegangen war. Nur – ich hatte einfach keine Lust mehr auf die Kerle. Lieber gehe ich klauen und einbrechen, statt mich weiter von den Schwulen ablecken und befummeln zu lassen. Sicher, es war im Prinzip leicht verdientes Geld – aber ich fühlte mich nicht sonderlich wohl dabei. Es machte mir nicht viel aus, nicht deswegen, aber ich hasse es wenn die Kerle vor Geilheit ihren Verstand verlieren und sich wie die Tiere aufführen. Währe ich selber schwul, dann währe es wohl erträglicher – aber mag nicht diese raue Haut und diese eklig vielen Haare - den meist nach Alkohol stinkenden Atem, und dann auch noch am Ende dies widerlich schleimige Sperma überall. Nee, da lobe ich mir die Frauen. So weich, anschmiegsam und gut riechend.
"Was treibst du denn so? Nach richtiger Arbeit siehst du nicht gerade aus, und deine Klamotten haben auch schon länger keine Waschmaschine mehr gesehen", riss er mich aus meinen Gedanken, während er sich dabei vorbeugte und mich interessiert musterte. "Ich frage dich das nur, weil ich jemanden für einen freien Job suche. Dabei habe ich gleich an dich gedacht. Ich habe dich schon längere Zeit beobachte, und du scheinst mir ein zuverlässiger Kerl zu sein. Du säufst nie und bist immer auf der Hut, ein typischer Gejagter. Immer eine Wand im Rücken und die Tür im Auge. Das ist mir gleich am ersten Abend aufgefallen, dass du dich erst mal gründlich hier umgesehen hast... hast dir wohl einen Fluchtweg für Notfälle gesucht, stimmts?".
Es muss wohl an seinem offenen Blick gelegen haben, dass ich ihm über den Weg traute. Ich hatte ihn immer nur als Kellner zur Kenntnis genommen. Das er ’Beziehungen’ hier auf dem Kiez hatte, das wurde mir schon nach einigen Nächten klar. Wenn der ‚Einmarsch der Gladiatoren’ stattfand, dann verschwand er mit den Luden zusammen im Hinterzimmer und blieb lange Zeit da drin verschwunden. Keine Ahnung, was da in dem Zimmer so vor sich ging – war ja auch nicht mein Bier. Nichts hören und sehen, das war das Hauptprinzip auf dem Kiez – das hatte man mir schon vor lange Zeit beigebracht.
"Kann sein, man kann ja nie wissen... auf dem Kiez ist ja immer alles möglich", grinste ich ihn an, und fummelte dabei meinen Tabak aus der Hosentasche.
Ich nutzte gerne die Zeit, die es brauchte eine Zigarette zu drehen, um meine Gedanken zu sortieren und nachzudenken. Er lehnte sich in seinen Stuhl zurück und beobachtete mich dabei. Ich ließ mir diesmal reichlich Zeit beim Drehen, und er wartete schweigend geduldig ab. Er redete nie viel, dass war mir schon aufgefallen. Wenn er nichts zu tun hatte, stand er meistens am Tresen und las in einem Buch. Umständlich zog ich mein Feuerzeug aus der Tasche und zündete mir meine Kippe an. Betont lässig rutschte ich auf den Stuhl halb unter den Tisch, und blies den Rauch genüsslich durch die Nase raus.
"Und was für ein Job soll das sein?". Ich hoffte es klang gelangweilt, als wenn ich es gar nicht nötig hätte und nur aus Höfflichkeit nachfrage würde. "Keine Einzelheiten, darauf habe ich keinen Bock... nur - für alles bin ich nicht zu haben... scheiß auf legal oder nicht, aber relativ sicher sollte es schon sein. Ich hab auch so schon genug am Hals, kann keinen Stress hier auf dem Kiez gebrauchen. Das soll weiterhin mein Rückzugsraum bleiben, denn hier in Hamburg kennt mich keiner - das soll auch so bleiben".
"Am besten besprechen wir das im Hinterzimmer. Kannst du Billard spielen? Meine Geschäfte mache ich immer beim Billard spielen – da kann ich besser bei Denken", antwortete er, zwinkerte mir zu und erhob sich dabei ohne meine Antwort abzuwarten. Er war sich seiner Sache sehr sicher, musste ein guter Menschenkenner sein.
’Bringt der Job wohl so mit sich’, dachte ich, während ich aufstand um ihm ins Hinterzimmer zu folgen. Es war der Anfang einer meiner seltsamsten Freundschaft die ich je eingegangen bin. Hätte ich jedoch da schon geahnt... ich wäre wohl nie wieder auf dem Kiez aufgetaucht, und erstrecht nicht auf sein Angebot eingegangen.