Auf der Strasse war es still. Die Menschen, die an mir vorbei zogen, hatten doch keine Ahnung. Eine junge Frau, vielleicht vierundzwanzig Jahre alt, blickte mich im vorbeigehen mitleidig an. Ich blickte nur trotzig zurück, denn das letzte, das ich brauchen konnte, war Mitleid. Als die Frau außer Sichtweite war, stand ich auf, nahm meine Mütze vom Boden auf und blickte hinein. Hatte mir heute überhaupt schon jemand Geld hinein geworfen? Enttäuscht schmiss ich die Kappe zurück auf den Boden. Nicht ein lumpiger Cent.
Ziemlich gekränkt machte ich mich auf den Weg. Wohin, das würde mir meine Nase zeigen. Alle Menschen, an denen ich vorbei ging, blickten mich entweder erschrocken, angeekelt oder einfach nur mitleidig an. Aber es interessierte mich jetzt nicht, denn ich hatte ein böses Gefühl im Bauch. Hunger! Früher hatte meine Mutter ihren Geldbeutel auf den Tisch gelegt, und mir gesagt, ich solle einfach etwas zu essen holen, es gebe ja einen Supermarkt.
Meine Mutter... In Erinnerungen schwelgend ging ich, leider ohne auf den Weg zu achten, weiter. Natürlich musste ich mit jemanden zusammenstoßen, sonst wäre ich nicht ich. Böse blickte ich auf. Eigentlich wollte ich nun schon eine Hasstirade auf mein Gegenüber herab lassen, doch als ich in das Gesicht der Person sah, wurde mir ganz anders zu Mute.
"Mama..", murmelte ich, und die Frau blickte mich verwirrt an.
"Ähm, nein, ich habe keine Kinder...", sagte die Frau und ging ihres Weges weiter.
Ich ließ meinen Kopf sinken. War ich schon so voller Sehnsucht, dass ich nun jede Frau Mitte dreißig als meine Mutter sah? Und wie konnte ich nur an dieses verlogene alte Drecksluder denken, ohne dabei einen Kotzanfall zu kriegen? SIE war es doch gewesen, die mich aus ihrer stinkenden alten Wohnung gescheucht hatte, nur weil wieder einmal einer ihrer Lover da war.
Dann hatte es mir gereicht jedes Mal raus in die Kälte zu müssen, nur weil sie wieder ihren Spaß haben wollte. Ich blieb in der Kälte und dachte, dass es auf der Strasse besser werden würde, als dort, wo man mich sowieso nicht geliebt hatte. Wo ich nicht einmal die Chance hatte, etwas aus meinem Leben zu machen.
Nachdenklich gestimmt blieb ich stehen. Hatte ich denn hier wirklich eine größere Chance, etwas zu werden? Traurig schüttelte ich den Kopf.