Ein Mädchen in der Falle


Kurzroman zum Thema Jungend


Hey, ich bin Sin.
Naja, eigentlich ja Svenja Ingrette, doch das ist ein Name, den fast kein Schwein fehlerfrei aufschreiben oder aussprechen kann und außerdem hatte jeder coole Typ und jede heiße Schnitte, die ich damals kannte, irgendeinen Spitznamen!
Im Laufe der sechzehn Jahre, die ich zum Beginn meiner Geschichte bereits hinter mich gebracht hatte, war ich oft gefragt worden, woher dieser seltsame Nachname käme.
Die Antwort ist eigentlich simpel:

Mein Vater, ein geborener Franzose, teilte ihn mehrere Jahre mit meiner Mutter, die ihn dann schließlich meinem älteren Bruder und mir vererbte. Leider muss ich zugeben, dass es so ziemlich das Einzige ist, das ich von meiner Familie habe.
Das Schicksal, Gott oder der entgegen kommende Geisterfahrer nahmen mir die Chance, meinen Vater Jean-Luc, Mutter Maria und Bruder Karsten bewusst kennen und lieben zu lernen, denn sie verunglückten bei einem Autounfall, als ich gerade mal zwei Jahre alt war.

Mich hatte es nur nicht erwischt, weil meine Familie auf dem Weg in einen Urlaub war, zu dem sie mich nicht mitnahmen, da ich noch zu jung war. Also war ich, während das absolut Schreckliche passierte, bei einer netten Nachbarsfamilie untergebracht.
Jetzt könnte man sagen, dass ich Glück gehabt hatte, schließlich überlebte ich. Doch sehr oft hatte ich mich gefragt, wozu und vor allem, was das für ein Überleben war!
Klar klingt das Scheiße, aber wenn man sich einmal vorstellt, dass mit einem Schlag alles zerstört wird, das man hat ...

Eine scheinbar so sichere Zukunft zerplatzt in tausend Scherben, die sich tief in das eigene Fleisch graben.

Ich verlor meine Familie, mein Zuhause...einfach alles!

Und aus Gründen, die mir nie erklärt wurden, konnte ich weder von anderen Verwandten, noch von der angeblich so netten Familie aufgenommen werden und landete daher im "Waldmann-Waisenheim", einer Anstalt mit sehr zweifelhaftem Ruf.
Dort musste ich von Null anfangen, unter fürchterlichen Bedingungen beginnen, meine Zukunft Stück für Stück aufzubauen. Dort fühlte ich mich mehr als tausend Mal wie in einer Falle, aus der es kein Entrinnen gab.
Das Heimleben machte mich knallhart, denn ich erkannte früh, dass dies nicht der Platz für Gefühle ist, die ein Kind eigentlich bräuchte.

Man kennt das ja von Waisenhäusern.
Es gibt unendlich viele Geschichten und die wenigsten sind harmlos oder ermutigend.

Eine davon, meine Eigene, möchte ich euch heute erzählen.
Sie beginnt, wie hätte es auch anders sein können, in jenem Heim, das in Mitten des mehr oder weniger sagenumwobenen Waldes liegt, der an unsere Stadt grenzt.
Dort, in dem Dreierzimmer, das ich mir schon seit mehr als drei Jahren mit meinen besten Freunden Kim und Sebastian teilte, saß ich gerade an den Matheaufgaben. Kim und ich hatten eigentlich ernsthaft vorgehabt, die gresslichen Dinger zu lösen, doch irgendwie hatten wir uns festgequatscht.
Da wurde plötzlich die Tür aufgerissen und Sebastian, der wegen einer für ihn typischen Halskette nur Gold genannt wurde, stürmte herein.

"Eh, Girls! Gleich ist Action, was hängt ihr so rum? Seid ihr schon ready to take off oder was geht´n ab bei euch?"

"Man Gold!", unterbrach ihn Kim genervt,

"Wir werden´s schon überleben!"

Ich nickte und warf Gold einen Schokoriegel zu, um das Gelaber zu unterbrechen. Es war meine Sache. Was brachte es mir, wenn sich die beiden stritten?
Vor zwei oder drei Monaten war ich von der Bullerei erwischt worden. Bei einem für mich sonst so üblichen Raubzug durch die City hatte ich nicht genug aufgepasst und so kriegten sie mich dran, als ich ein Auto aufgebrochen, Sachen entwendet und es dann angezündet hatte.

Scheiße, was? Aber hey!
Ich kann euch sagen, so übel wie in dem Moment, als die Typen angeschlichen kamen und mich packten, hatte ich mir noch nie zuvor in die Hose gemacht. Mein einziger Trost war nur, dass sie "nur" mich kassierten und sich der Rest meiner Gang unauffällig verzischen konnte.
Es folgte das, was ich sonst nur in der Glotze sehen konnte, wobei es nicht nur mit dem Gesetz, sondern selbstverständlich auch mit den Betreuern aus dem Heim ein gigantisches Battle gab!

Die Ausgangssperre war da noch das Harmloseste.
Kein Wunder, dass ich dauerhaft angespannt war.
Die Behörden stressten mit Psychotests und anpissenden Beratungsgesprächen. Für mich dauerte es Ewigkeiten, bis endlich feststand, dass ich vor ein Jugendgericht musste.

Heute war es soweit.
Ich erhoffte mir, dass damit die ganze Kackwurst endlich doch noch ein Ende bekäme und ich wieder weiterhin mein Leben so leben können würde, wie zuvor.
Dazu zählte ich auch das weitere abhängen mit der Gang und die Verfolgung meiner kriminellen Laufbahn, die auch schnell mal zur Achterbahn werden konnte.

"Schnapp dir ´ne Cola, Alter!", meinte ich wie beiläufig, da Gold den Schokoriegel bereits aufgefressen hatte.

Danach grabschte ich mir Kims Lieblingszeitung „Beauty Girl - Sexy, Hot und top cool sein!", in der irgendwas von Schlankheitstipps und Ratschlägen für eine angeblich glückliche Beziehung stand.
Meine Freundin verschlang diese Zeitungen förmlich und nahm die meisten Tipps, die das Magazin lieferte dankbar an. Sie hatte schon seit Jahren geplant, Supermodel zu werden und sich selbst auch in den angesagtesten Zeitschriften wieder zu finden. Dafür war ihr kein Preis zu hoch.
Ich studierte die Schlagzeilen, fand aber nichts Interessantes, das mich ablenken konnte. Scheinbar lässig meinte ich:

"Also ich war bei so ´ner Beratung und die haben gesagt, weil ich 16 bin, wird das kein großes Ding. Da gibt's ja dieses Jugendstrafgesetz und das ist recht chillig. Ich werd auf jeden Fall heut Abend bei euch vorbeischauen und sagen, was so geht, wenn sie mich nicht gleich behalten wollen, weil ich so geil bin!"

Ich spreizte die Beine und wir lachten laut.
Doch in mir verkrampfte sich alles.

'Was, wenn doch?', fragte eine Stimme in mir.
So kalt, wie ich vor meinen Freunden tat, ließ mich die ganze Sache doch nicht.
'Was, wenn sie dich doch dabehalten?'. Ich warf die Zeitung zurück auf den überfüllten Schreibtisch, krallte mir ´ne Kippe und rauchte noch schnell, da meine Wartezeit sich immer schneller verpisste.
Eigentlich gab es ein Rauch- und Alkoholverbot in den Zimmern, aber das kratzte keinen und wurde nur von den absoluten Strebern und Schleimern eingehalten.
Kim steckte sich ebenfalls Eine an und fragte:

"Wer geht mit?"

"Bremse und Mus!", antwortete Gold.

"Wenn Bremse fährt, kommen wir nie an!", seufzte ich genervt, denn mir lag viel daran, diesen Tag so schnell wie möglich zu beenden.

„Doch", protestierte Gold, „Mus ist dabei. Der Araber wird ihm schon Feuer unterm Arsch machen!"

Die beiden Freaks waren auch in unserer Clique, die nicht nur aus Jugendlichen bestand. Bremse und Mus waren einiges über Zwanzig und der Araber hatte sogar schon mal im Knast gesessen. Eigentlich war er Pizzalieferant, doch auch dafür bekannt, bei ilegalen Straßenrennen fette Siege einzufahren. Bremse als Gegensatz wurde seinem Namen, was Autofahren betrifft, immer gerecht. Sein Zaubermittel hieß Rauschgift und offenbarte sich meist als gut getarntes Tütchen in seinem Reisegepäck.

"Na gut. Ist ja auch egal", meinte ich, drückte den Zigarettenstummel in einer Blumenvase aus und klappte mein Mathebuch zu, in dem ich sowieso nicht gelesen hatte,

"dann werde ich mich mal streberhaft anziehen, damit die ´nen guten Eindruck von mir haben. Ätzende Richter!" -

"Cool.", meinte Kim, "wir treffen uns heute Abend beim Boss. Ich hab da noch ´ne Sache mit Pig-Ass zu regeln. Der hat Jess gestern mit Bier überschüttet!"

"Yeah! Gib´s dem Arschloch.", rief ich, hoffentlich überzeugend, und ging ins Badezimmer, um mich umzuziehen.

Kim hatte echt keine anderen Sorgen, dachte ich etwas angepisst. Schließlich kriegt man ja nicht ständig ´nen Gerichtstermin an den Hals.
Das würde ich ihr aber natürlich nie sagen, denn jeder hat eben so seine Fehler, die man halt einfach wegsteckt.
Kim und ich waren zusammen aufgewachsen und wie zwei Schwestern geworden. Dabei hatten wir es nicht leicht, denn als Kind ohne genügend Kohle hast du auf der Straße verschissen.

Wir lernten schon früh, wie man klaut und verarscht.
Als wir dann ungefähr zwölf Jahre alt waren, trafen wir einen Typen, der Cool-Dave genannt wurde und der uns puschte. Er bezahlte uns für Aufträge und wir kamen an all das Zeug ran, was kleine Gangsterkids eben so wollen: Schmuck, Kippen, Alk und Halt auf der Straße.
Kim und ich waren das erste Mal gemeinsam am Husten während der ersten Zigarette, das erste Mal kotzen nach zuviel Schnapsgenuss und auch das erste Mal so bekifft, dass wir im Straßengraben pennen mussten.
Wir hatten so oft schon "ein Ding durchgezogen" und waren immer gut davongekommen. Doch diesmal würde ich allein sein. Keine Kim an meiner Seite, die alles Negative von sich abprallen ließ.

Jetzt, als ich mein grell geschminktes Gesicht im Spiegel betrachtete, das versuchte, nicht mit den Augenlidern zu zucken, stellten sich mir immer wieder die selben Fragen.
Wie würde es ablaufen?
War das echt so übel gewesen, dass ich in einen Jugendknast musste?
Was erwarteten die von mir und was würden sie entgültig kriegen?

Und was soll ich mir unter einer Bestrafung vorstellen? Bestimmt irgendetwas Spießiges wie Kinder betreuen, Nachhilfe geben, reichen Typen das Büro putzen, in einer Küche Geschirr spülen oder im Schwimmbad das Klo reinigen. Auf jeden Fall irgendwas absolut Widerliches!

"Aber was soll´s, ich hab schon so Einiges überlebt", sagte ich zu meinem Spiegelbild, das mir irgendwie fremd schien.

Als ich mich von meinem Anblick losgerissen hatte, packte ich schnell noch meine Handtasche mit den wichtigsten Sachen voll. Darunter irgendwelche kranken Papiere, von deren Sinn ich nicht überzeugt war.
Leicht gestresst hetzte ich zum Parkplatz, auf dem bereits der weiße Audi, mit Bremse am Steuer, stand. Wie in Zeitraffer flogen Zeit und Bilder am Fenster des Wagens vorbei. Dennoch hatte ich zuviel Zeit, über meine Einsamkeit nachzudenken.
Ich wünschte mir Cool-Dave an meine Seite. Obwohl er elf Jahre älter war als ich, hatte er nie versucht mich und Kim bei den Deals zu verarschen, sondern wurde erst unser Beschützer, dann ein richtig guter Kumpel, ein unersetzbarer Freund und schlussendlich meine erste große Liebe.
Ich war jetzt schon seit über einem Jahr mit ihm zusammen und er gab mir Geborgenheit und alles, was ich sonst brauchte.

Viel war es ja nicht.
Es wäre so unendlich beruhigend gewesen, seine Hand zu halten oder einfach nur neben ihm zu sitzen. Wie sehr vermisste ich ihn in diesem Moment ...

"He Püppchen, alles klar im BH?", riss mich Mus aus meinen Gedanken.

Automatisch nickte ich, denn ich zeigte keine Unsicherheit im Beisein meiner Homies.

"Da kommst noch rüber!", wandte er sich dann an Bremse, der gerade vor einer gelben Ampel anhalten wollte.

Dieser trat ausnahmsweise aufs Gas und meinte dann zu mir:

"Dein Anwalt will dann noch kurz mit dir reden. Es ist dieser Berlich. Klaus Berlich, der ist gut und vor allem gerecht. Hat schon mal einen von uns ganz schön aus der Scheiße geholt!"

Ich nickte wieder und sah scheinbar gelangweilt aus dem Fenster.
Bremse und Mus ließen mich an der Bushaltestelle, die dem Gerichtsgebäude gegenüber lag, raus und zischten ab. Ich blickte mich sorgfältig um, konnte aber keinen Anwalt entdecken. Allerdings wusste ich auch nicht, wie er aussehen würde.

Verdammt, ich wusste viel zu wenig, doch sprach mir immer wieder Mut zu, was schließlich einigermaßen klappte.







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