Aus deiner heilen Welt gerissen


zum Thema Selbsthass / Selbstverletzung / Selbstmordmord

Deine heile Welt,
der Vorhang, der deine Bühne beschützt,
liegt zerfetzt unter deinen Schuhen.

"Zerstöre mich!", schreit es in deinem Kopf. 

Zitternd blickst du dich um, drehst dich, schüttelst dich,
doch die Stimme bleibt.

"Zerstöre mich!"

Hasserfüllt dröhnt sie in dir, immer und immer wieder.

"Zerstöre mich!"

Dein Blut kocht, dein Atem brennt.

"Zerstöre mich!"

Die Gedanken sterben, die Gefühle atmen.

"Zerstöre mich!"

Dein Blick glüht, 
deine Hand bebt, 
dein Kopf schreit:

"Zerstöre mich!"

Und dann bricht es aus dir heraus.

Der tobende Sturm reißt sich von den Ketten, 
biegt die Gitter beiseite,
überschwämmt den Damm,
wirft die Mauern nieder
und bricht wie ein alles vernichtender Schrei aus deinem Körper.

"Zerstöre mich!"

Mit all deiner Kraft boxt du gegen den Schrank,
trittst gegen die Möbel und wirfst dich gegen die Wand.

"Zerstöre mich!", schreien die Möbel, während du sie zu Kleinholz machst,

"Zerstöre mich!", der Schrank, dessen Türen sich verbiegen,

"Zerstöre mich!", die Wand, von der dein Blut tropft,

"Zerstöre mich! Zerstöre mich!", die Welt um dich herum...

als wäre sie ein einziger Mund,
ein Höllenschlund, der dir seine wütende Lawa ins Gesicht spuckt!

Unaufhaltsam lässt du das Feuer in dir wüten.
Verloren ist jeder Gedanke an die Vollkommenheit. 
Du denkst nur noch an Splitter, Bruchteile.

Unwiderruflich saugt der Hass dich aus.
Die Wut blendet dich mit ihren Stromstößen und beschützt dich vor dem Schmerz.

Unvermeidlich zerfällst du zu einem Haufen Asche.
Du hast dein Selbst aufgegeben, um ein Teil der kaputten Teile zu werden.

Unbeschreiblich leer, klein, bedeutungslos verdampfst du.

Schwindel kriecht in deine Glieder, verstößt die letzte Selbstsicherheit.
Wie benommen torkelst du zu dem großen Spiegel, der als Einzigstes noch ganz ist,
die einzige Erinnerung an deine heile Welt. 

Starr blickst du in die klare Oberfläche, die wie ein See zu wogen beginnt. 

Panik schleicht in deine Adern,
Schutzlosigkeit umweht deinen Körper,
Grauen legt sich auf deine Augenlider. 

Du willst nicht glauben, was du siehst, kannst es nicht glauben!

"Zerstöre mich!", flüstert es aus dem Mund deines Spiegelbildes. 

"Nein", stammelst du,

"ich hör dich nicht, ich hör dich nicht!"

Verbissen hältst du deine Ohren zu,
aber du kannst es trotzdem hören.

Die Stimme ritzt sich in dein Gehirn.
Du hörst, wie es flüstert:

"Zerstöre mich!"

"Nein!"

In dir dieser Kampf, den du nicht gewinnen kannst.

"Zerstöre mich!"

"Nein!"

Und dann musst du es doch tun. 

Ein Knall, 
ein Splittern ...
und du wirst mit Gewalt aus der letzten Oase deiner heilen Welt gerissen.

Der Schmerz zwingt dich in die Knie
und hier in deiner kaputten Welt,
zwischen Trümmern und Splittern,
greifst du nach einer Scherbe des zerbrochenen Spiegels.

Sie liegt warm auf deiner Handfläche, 
wie heißes Wasser das auf deine Hand tropft.

Dein Herz pocht zu schnell,
deine Gedanken kriechen zu langsam.
Dein Blut tickt in dir, wie eine gefährliche Zeitbombe.

"Und nun zerstöre dich selbst!", wispere ich dir aus der Scherbe zu...
und bohre mich tief in dein Fleisch!





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